Energiewende: Die Landwirtschaft braucht einen Strukturwandel

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15.11.2022

Alexander Bauer, Institut für Landtechnik der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU)*

Die aktuelle Teuerungswelle macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Ein Grund dafür ist der noch immer hohe Einsatz an fossiler Energie beispielsweise in Form von mineralischen Düngemitteln oder Pflanzenschutz, aber auch direkt als Treibstoff, Elektrizität oder Wärme. Einsparungsbereiche und Substitutionsmöglichkeiten mit fossilfreien Alternativen gibt es genug. Die dazu nötigen modernen Technologien und Innovationen in der Agrartechnik – von regenerativen Energien über Düngung und Pflanzenschutz, Humusaufbau und Pflanzenkohlenutzung, das Einsparungspotential durch teilflächenspezifische Bodenbearbeitung bis hin zur Verwendung von grünem Stickstoff - sind bereits vorhanden und im Prinzip anwendbar. 

Gründe dafür, dass das noch nicht im gewünschten beziehungsweise erforderlichen Umfang passiert, sind das derzeitige Auseinanderklaffen von bestehenden technischen Lösungen auf der einen Seite und den unzureichenden Marktanreizen auf der anderen. Der betriebswirtschafltiche Rahmen ist jedenfalls relevant dafür, ob und wie rasch eine Technologie von der Praxis angenommen wird. Für den Wechsel zu fossilfreien Energieträgern braucht es neben der Förderung von Innovationen auch eine starke interdisziplinäre Zusammenarbeit - und eine klare Regulierung durch die Politik.

Beispiel: Düngemittel
Düngemittel sind in der Landwirtschaft wichtig, um Kohlenstoff oder allgemein Nährstoffe in den Boden zurückzuführen. Der Großteil ist jedoch noch immer mineralischen Ursprungs und wird meist aus Südamerika, Russland und Asien importiert. Das verursacht enorme Transportkosten. Durch die Energiekrise sind die Preise von Düngemitteln bis zum Doppelten oder noch mehr gestiegen. Das Gebot der Stunde wäre, agrarische Reststoffe und Abfallströme in allen Bereichen zu nutzen, wo immer dies möglich ist. Das Wissen ist vorhanden - wie neue Technologien, die Nährstoffe aus Abwässern rückgewinnen oder intelligentes Design, das verhindert, dass Düngemittel ausgewaschen werden. Es muss unser erklärtes Ziel sein, lokale Nährstoffkreisläufe zu schließen, um eine langfristige Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Böden zu sichern - dabei auch Humusbildung zu unterstützen und biogene Kohlenstoffverbindungen vermehrt als CO2-Speicher zu nutzen.

An Bewertungsmethoden festmachen
Um eine fossilfreie Landwirtschaft und deren nachhaltige Bewirtschaftung sicherzustellen, müssten geeignete Bewertungsmethoden zur Anwendung kommen. Neben der bereits etablierten Ökobilanz gibt es die Corporate Carbon Footprints. Bei der Bewertung auf betrieblicher Ebene ist auf die Regelungen im GAP-Strategieplan sowie auf die Rechtsnormen zur Emissionsminderung im Sektor zu verweisen.

5 vor 12 für auferlegte Ziele
Wenn wir ernsthaft unsere selbst auferlegten Ziele erreichen wollen, kann es so, wie es derzeit läuft, wohl nicht weitergehen. Die Landwirtschaft braucht einen tiefgreifenden Strukturwandel. Dies inkludiert nicht nur den bodenschonenden Ausbau von erneuerbaren Energien - Wind, Photovoltaik auf Dächern oder Agri-Photovoltaik -, sondern auch das Schließen von Nährstoffkreisläufen durch Humus-Aufbau oder Verwendung von Pflanzenkohle und innovative Dünger. Biodiversität muss gefördert werden, genauso wie das vermehrte Verfolgen von Strategien aus der biologischen Landwirtschaft. Die Grundlage für diesen Wandel muss von der Politik durch Förderung und Regulierung geschaffen werden.


*Dieser Beitrag fasst die Ergebnisse der Tagung „Energiesysteme in der Landwirtschaft und negative Emissionen“, die Anfang November vom Energiecluster der Universität für Bodenkultur veranstaltet wurde, zusammen. Assoz.Prof. Alexander Bauer hat die Tagung organisiert.