Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz der Land- und Forstwirtschaft im Berggebiet

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Land & Forst
Umwelt & Klima
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Innovation

20.02.2024

Stefan Kirchweger von STUDIA Austria schreibt über die Verbindung von Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Berggebieten. In einer EIP-AGRI Focus Group der Europäischen Kommission koordiniert er Fachexpert:innen, die sich der Frage stellen, welche innovativen Ansätze im Zusammenhang mit Land-, Forst- und Bioökonomie die Wettbewerbsfähigkeit sowie die sozioökonomische und ökologische Widerstandsfähigkeit von Berggebieten und ihren Gemeinden fördern können.

Die Europäische Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit" (EIP-AGRI) ist ein Konzept zur Förderung von Innovationen in der Land- und Forstwirtschaft. Die Europäische Kommission setzt regelmäßig EIP-AGRI Focus Groups um, in welchen Forschungs- und Innovationslücken systematisch erhoben werden. Stefan Kirchweger von STUDIA Austria koordiniert die EIP-AGRI Focus Group zu wettbewerbsfähigen und widerstandsfähigen Berggebieten. Nachstehend gibt er Einblick darüber wie Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Berggebiete inhaltlich zusammenhängen und macht neugierig auf die Ergebnisse der EIP-AGRI Focus Groups, die nicht nur den Innovationsbedarf, sondern auch innovative Ansätze und Innovationen in diesem Kontext aufzeigen.

Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz der Land- und Forstwirtschaft im Berggebiet
Berggebiete erstrecken sich über ganz Europa entlang von Gebirgszügen. Obwohl es keine allgemeingültige Definition eines Berggebiets gibt, werden Berggebiete in der Regel auf der Grundlage geologischer, topografischer und administrativer Kriterien definiert. Die Land- und Forstwirtschaft stellt in Berggebieten einen relevanten Wirtschaftssektor dar und bietet eine breite Palette einzigartiger Produkte und Dienstleistungen, die sowohl für den Lebensunterhalt und die Wirtschaft vor Ort als auch auf regionaler und sogar globaler Ebene wertvoll sein können. Mit Bezug zu wirtschaftlichen Aktivitäten sind dies zum Beispiel Lebensmittel, Holz und Holzprodukte sowie Erholung. Aber auch die Bereitstellung sogenannter öffentlicher Güter wie beispielsweise Wasserressourcen, Energieerzeugung, biologische Vielfalt, Klimaregulierung und Schutzfunktionen oder kulturelle Funktionen wie traditionelles Wissen zählen dazu. 


Wettbewerbsfähige und resiliente Berggebiete als Antwort auf multiple Herausforderungen
Die Land- und Forstwirtschaft in den Bergregionen ist einer Reihe von Herausforderungen ausgesetzt. Dazu gehören die hohen Produktionskosten, die damit verbundene Aufgabe von Flächen, die begrenzten Anbauflächen an sich und der Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Aber auch soziale Ausgrenzung, Abwanderung, eine alternde Bevölkerung, Auswirkungen des Klimawandels und der Konfrontation mit großen Raubtieren, eine schlechte Infrastruktur, weit entfernte Bildungs- und Trainingseinrichtungen sowie die Gefährdung einzigartiger Bergkulturen stellen Herausforderungen im Berggebiet dar. 
Um diesen zu begegnen, ist es notwendig, sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch die Resilienz der Land- und Forstwirtschaft zu steigern. Während beide Parameter von wirtschaftlichen und politischen Faktoren beeinflusst werden, kommen vor allem bei der Resilienz ökologische, soziale und kulturelle Faktoren hinzu.

Wege zu einem Gleichgewicht zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz 
Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit sind voneinander abhängig und miteinander verbunden, funktionieren jedoch nicht unbedingt auf die gleiche Weise. So können beispielsweise Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Umwelt schaden und somit die Anfälligkeit der Betriebe erhöhen und umgekehrt können Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz ihre Wettbewerbsfähigkeit verringern. 

Welche Möglichkeiten ergeben sich nun, um sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch die Resilienz der Land- und Forstwirtschaft in Berggebieten zu verbessern? Möglichkeiten bestehen beispielsweise in der Nutzung des positiven Images und der Qualität von Bergprodukten durch Herkunftskennzeichnungen, wie zum Beispiel geografisch geschützter Angaben, welche den wirtschaftlichen Wert der Produkte steigern können. Doch auch die Vermarktung alternativer Nahrungsmittelsysteme oder die Chance, das einzigartige Klima in den Bergregionen als zukünftiges Wachstumsgebiet für Holz und Fasern zu nutzen, bietet große Potenziale. 

Ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial bietet zudem der (nachhaltige) Tourismus, da er Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft schafft und lokale Märkte für Produkte und Dienstleistungen eröffnet. Zu den sozialen Möglichkeiten gehören Green-care Angebote, die insbesondere ruhige Umgebungen zur Entspannung und zum „Social-distancing“ nutzen. In kultureller Hinsicht können Angebote für Bildung und (agrar-) kultureller Tourismus für zusätzliches Einkommen in den Betrieben sorgen.

Auch moderne Technologien und Digitalisierung können zur Resilienz beitragen und direkt die Arbeitsbelastung reduzieren. Praktiken der Kreislaufwirtschaft und erneuerbare Energiequellen können zudem die Produktionskosten und Abhängigkeiten weiter verringern. 
Das Wissen über diese Möglichkeiten kann dazu beitragen, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die ein Gleichgewicht zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz herstellen und dadurch eine nachhaltige Entwicklung der Land- und Forstwirtschaft in den Berggebieten gewährleisten.


Stefan Kirchweger, nationaler Experte der EIP-AGRI Focus Group zu wettbewerbsfähigen und widerstandsfähigen Berggebieten