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    nach Maßnahmen Vorhabensarten

    Ordentlich! Schlampert.

    Themenbereich
    Umwelt, Biodiversität, Naturschutz
    Innovation

    Untergliederung
    Landwirtschaft
    Naturschutz
    Biodiversität
    Innovation

    Projektregion
    Burgenland
    Kärnten
    Niederösterreich
    Oberösterreich
    Salzburg
    Steiermark
    Tirol
    Vorarlberg
    Wien

    LE-Periode
    LE 14–20

    Projektlaufzeit
    09.2016-05.2019

    Projektkosten gesamt
    219.187,10€

    Fördersumme aus LE 14-20
    219.187,10€

    Massnahme
    Basisdienstleistungen und Dorferneuerung in ländlichen Gebieten

    Teilmassnahme
    7.6 Förderung für Studien und Investitionen im Zusammenhang mit der Erhaltung, Wiederherstellung und Verbesserung des kulturellen und natürlichen Erbes von Dörfern, ländlichen Landschaften und Gebieten mit hohem Naturwert, einschließlich der dazugehörigen sozioökonomischen Aspekte, sowie Maßnahmen zur Förderung des Umweltbewusstseins

    Vorhabensart
    7.6.1. a) B Studien und Investitionen zur Erhaltung, Wiederherstellung und Verbesserung des natürlichen Erbes - Naturschutz

    Projektträger
    Verein thema:natur, Bildung-Vernetzung-Kommunikation

    Kurzbeschreibung

    Biodiversitätsflächen wie spät gemähte Wiesen werden oft als schlampert empfunden. Darum müssen Bäuerinnen und Bauern, die solche Biodiversitätsstreifen anlegen nicht nur gegen die eigenen Empfindungen arbeiten, sie unterliegen auch noch der kritischen Bewertung ihres Umfelds.

    Eine emotionale Akzeptanz von „schlamperten“ Landschaftsstrukturen erleichtert für Bäuerinnen die Anlage von Biodiversitätsflächen. Durch die Selbstreflexion der eigenen Ordnungsvorstellungen können Pflegeeingriffe auf Feldrainen, Böschungen, etc. leichter auf ein ökologisch sinnvolles Maß reduziert werden.

    Im Projekt wurden mit verschiedenen Methoden die Bilder über Landschaft, die wir im Kopf haben, sichtbar gemacht. Mit Seminaren, mit Wirtshausshows, Comicworkshops für Schulen, einer Wanderausstellung und einem ungewöhnlichen Infostand wurden Bäuerinnen und Bauern und die Bevölkerung dazu animiert, ihr Bild von Landschaft mit etwas Humor zu hinterfragen und offener für ökologische Zugänge zu werden.

    Ausgangssituation

    Um den Biodiversitätsverlust in der Kulturlandschaft zu stoppen, werden durch Aufklärung und finanzielle Abgeltungen die Anlage von biodiversitätsfördernden Strukturen wie Blühstreifen und Altgrasstreifen oder spätere Mähzeitpunkte auf Grünlandflächen immer stärker gefördert.

    Die durch eine derartige Bewirtschaftung entstehenden Strukturen sind für zahleiche EU-weit streng geschützte Tierarten als Deckung, Nahrungsplatz, Korridor oder Brutplatz besonders wichtig. Davon profitieren vor allem Wiesenbrüter, Heuschrecken, Libellen, Reptilien, aber auch derzeit noch nicht gefährdete Arten wie der Feldhase oder andere Arten, deren Bestandstrend jedoch ebenfalls deutlich abnehmen. Für das Belassen dieser Lebensraum-Strukturen gibt es jedoch unter LandwirtInnen und der Bevölkerung oft wenig Verständnis.

    Die geschaffenen Strukturen werden häufig als vernachlässigte Flächen mit einhergehender „Schlampigkeit“ aufgefasst und nur sehr untergeordnet als wichtige Lebensräume erkannt. Die Ablehnung von scheinbar ungepflegter Landschaft sitzt tief im Bewusstsein. Landwirtinnen und Landwirte, die derartige Strukturen anlegen, müssen nicht nur gegen die eigenen Wertvorstellungen ankämpfen, sie müssen häufig ihr Tun auch gegenüber Berufskolleginnen und Berufskollegen und der Bevölkerung rechtfertigen. „Man redet schon darüber“ heißt es oft seitens Bäuerinnen oder Bauern, die Teilbereiche der Natur kurzfristig nicht bewirtschaften.

    An der emotionalen Ablehnung derartiger Strukturen konnten zahlreiche Informationskampagnen, die den Wert derartiger Strukturen und die Bedeutung für Landwirtschaft und Gesellschaft erklärten, bisher nur wenig ändern. Diese Versorgung mit Informationen war und ist wertvoll und ein wichtiger Teilschritte in der Bewusstseinsbildung, aber es wurde dabei die psychologische Komponente im Denken von Bäuerinnen und Bauern bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt.

    Ziele und Zielgruppen

    Folgende Ziele sollten im Projekt erreicht werden:

    • Die eigene Landschaftswahrnehmung wird als ein Produkt gewachsener, durch historisch bedingte Rahmenbedingen geprägter Wertvorstellungen erkannt. Bäuerinnen und Bauern sowie die Bevölkerung erkennen, dass ihre individuelle Vorstellung von einer gepflegten Landschaft nicht universell ist, sondern von tradierten Mustern und historischen Nutzungsnotwendigkeiten geprägt wird. Durch diese Selbstreflexion werden sie offen gegenüber der naturschutzfachlichen Bedeutung von biodiversitätsfördernden Strukturen.
    • Eine neue emotionale Verbindung zu biodiversitätsfördernden Strukturen, basierend auf dem reichhaltigen Leben darin, ist geschaffen. Bäuerinnen und Bauern sowie die Bevölkerung identifizieren sich mit der vielfältigen Lebenswelt in Biodiversitätsstrukturen und nehmen diese nicht mehr als „unordentlich“ sondern als Lebensraum wahr.
    • Die Akzeptanz von biodiversitätsfördernden Bewirtschaftungsmaßnahmen durch Bäuerinnen und Bauern ist erhöht. Bäuerinnen und Bauern nehmen verstärkt die Angebote im Rahmen diverser Programme (z.B. UBB in ÖPUL, späte Mähzeitpunkte in WF,…) an, die zum Ziel haben, die Biodiversität in der Kulturlandschaft durch Strukturvielfalt zu erhöhen. Biodiversitätsfördernde Strukturen werden argumentativ vertreten und je nach betrieblichen Gegebenheiten ohne Förderung auch dort umgesetzt, wo es zu keinem wirtschaftlichen Nachteil führt.
    • Der Artenrückgang und der Lebensraumverlust in der Kulturlandschaft ist verringert. Die Angebote spezieller Lebensraumstrukturen und deren Vernetzung sind vergrößert. Die Habitatbedingungen EU-rechtlich geschützter Artengruppen (insbes. Vögel, Libellen, Heuschrecken, Fledermäuse, Käfer, Reptilien, Amphibien) sind verbessert.


    Projektumsetzung und Maßnahmen

    Das Projekt war in zwei Phasen unterteilt, die aufeinander aufbauen.

    In der ersten Phase wurden mit verschiedenen Tools die Gründe erhoben, die zu einer bestimmten Wahrnehmung von Landschaft und dem Verständnis von Ordnung führen sowie die Emotionen die damit verbunden sind. Dadurch sollten Hintergründe erkannt aber auch die emotionale Bedeutung von Landschaft sichtbar gemacht werden.

    In der zweiten Phase wurden diese Outputs dafür genutzt, den gewünschten Wertewandel in einem großen Pool der Zielgruppen zu erreichen. Dazu wurde eine Kampagne mit verschiedene Materialien und Aktivitäten entwickelt und durchgeführt.

    Die Materialien sollten dabei nicht einfach informieren, sondern bei den Zielpersonen eine eigene Reflexion ihrer Werte und Vorstellungen in Gang setzen und damit eine Veränderung der Einstellung bewirken.

    Folgende Maßnahmen wurden umgesetzt:

    Studie über die Landschaftswahrnehmung
    von Landwirtinnen und Landwirten.

    Seminare mit Bäuerinnen und Bauern.
    Bei den Seminaren wurde mit Bäuerinnen und Bauern ihre Sicht auf Landschaft erarbeitet. Die Seminare wurden methodisch mit „Live Visualisierungen“ umgesetzt. Bei dieser Methode werden Gedanken, Ideen, Bilder im Kopf sofort von professionellen ZeichnerInnen als Bilder auf Papier gebracht. Durch die leicht humoristisch gehaltenen Karikaturen werden eigene Vorurteile plötzlich sichtbar, kann über die eigene Wertvorstellung auch innerlich entspannt gelacht werden. Humor und Lachen befreit die Seele und öffnet bisher möglicherweise angespannte Zugangsweisen. Keinesfalls sollen die Karikaturen dazu dienen, sich über Personen und ihre Vorstellungen lustig zu machen.

    Comicworkshops an landwirtschaftlichen Schulen

    Um auch die Vorstellungen der Jugend zu erheben, wurde mit einer zielgruppenorientierten Methode mit den landwirtschaftlichen Schulen zusammen gearbeitet. In einem Workshop erarbeiteten die SchülerInnen gemeinsam mit einer/einem professionellen Zeichnerin/ zeichner und pädagogischer Begleitung Comicstrips zum Thema des Projekts. Dieser Workshop beinhaltete dabei nicht nur das Erlernen von Comic-Zeichnen, sondern auch die erforderliche verkürzte Sprache, klare Botschaften, spannende Rollenverteilungen und vieles mehr. Die Jugendlichen beschäftigten sich dabei nicht nur mit ihren eigenen Vorstellungen sondern lernten auch Inhalte gezielt zu vermitteln und Emotionen auszudrücken.

    Wanderausstellung
    mit Ausstellungskalender.
    Aus den Ergebnissen und Materialien der ersten Phase wurde eine Wanderausstellung erstellt, die die Reflexion der eignen Wertevorstellungen mit Humor erlaubt. Die Ausstellung wurde an Orten gezeigt, die von den Zielgruppen im Alltag aufgesucht werden. Das sind z.B. Foyers von Banken, Warteräume und Gänge von Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen, Bezirksbauernkammern, Raststationen, … Damit sollten auch Personen erreicht werden, die die Ausstellung nicht absichtlich besuchen würden.

    Wirtshausshow „Insekten-Leben“
    Um die Thematik weiter ins Gespräch zu bringen, wurde eine live moderierte Bühnenshow entwickelt und im Wirtshaus oder an anderen leicht zugänglichen Orten aufgeführt. Darin werden erstaunliche und bemerkenswerte und auch witzige ökologische Geschichten über die Lebewelt von Tieren erzählt, die in diesen „schlamperten Ökoflächen“ vorkommen. Themen sind die manchmal listenreiche Nahrungssuche, trickreiche Verhaltensweisen, um den Winter zu überstehen oder das teilweise aufwendige, aber sehr interessante Sexualleben der Tiere. Dadurch soll das Gefühl der Schlampigkeit durch eine Neugierde ersetzt werden, „was da alles los ist“. Bei der Ausstellung wurde ein Bildkalender verteilt, in dem die Thematik eindrucksvoll und humorvoll und anschaulich vermittelt wird. Bei diesem Kalender entscheidet jeder selbst, wann er umblättern möchte. Zum Beispiel weil man neugierig auf das nächste Bild ist oder weil man das aktuelle Bild nicht mehr sehen kann. Vielleicht ist es zu schlampert…

    Der Schlampertatsch - ein mobiler Infostand.
    Herzstück der Kampagne ist ein mobiler Infostand: der "Schlampertatsch". Dieser soll durch seine auffallend Optik die Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll. Der Infostand ist außen vollkommen mit altem Gras bedeckt und sieht wie eine ungemähte Wiese aus. Er sieht schlampig aus. Über den Kopf dieses seltsamen Wesens kann der Infostand betreten werden. Im Inneren ist es dunkel und es sind hinterleuchtete Bilder von der Ordnung der Natur zu sehen: kunstvolle Kokons von Spinnen, architektonisch aufgebaute Schmetterlingseier, in Reih und Glied abgelegte Eier von Käfern, …

    Ergebnisse und Wirkungen

    Über die verschiedenen Maßnahmen und der intensiven Medienarbeit wurde eine große Öffentlichkeit mit der Thematik erreicht. Die Rückmeldungen zeigten, dass das Thema auf breite Resonanz stieß und die Problematik noch viel tiefgehender ist, als vermutet. Zahlreiche Gespräche beim Infostand zeigten auch, dass viele Menschen ihr eigenen Wertvorstellungen diesbezüglich noch nie reflektiert hatten, die Botschaft aber verstanden und auch unterstützten. Es kann davon ausgegangen werden, dass eine entsprechende Verhaltensänderung bei einem Teil der Menschen stattfindet.