30 Jahre EU Mitgliedschaft Österreichs – LEADER
Mit dem EU-Beitritt 1995 begann für Österreich nicht nur eine neue agrarpolitische Ära, sondern auch eine beispielhafte Geschichte regionaler Entwicklung: LEADER wurde zum Impulsgeber für partizipative, kreative und nachhaltige Prozesse im ländlichen Raum. Dieter Holzer, Obmann des Vereinsvorstandes der LEADER Region Südliches Waldviertel – Nibelungengau, begleitet diesen Weg seit vielen Jahren. Wir haben mit ihm über 30 Jahre Österreich in der EU, die Bedeutung von Zusammenarbeit – und über Mut und Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume anhand von LEADER gesprochen.
Herr Holzer, Sie begleiten die LEADER-Region Südliches Waldviertel – Nibelungengau seit vielen Jahren. Was war für Sie der prägendste Wandel durch den EU-Beitritt – hat sich das Selbstverständnis der Region dadurch langfristig verändert?
Die Öffnung der Grenzen, die gemeinsame Währung, die Chancen für die Wirtschaft und die Zusammenarbeit von Menschen aus ganz Europa sind für mich entscheidende Ergebnisse des EU-Beitritts. Die Bevölkerung unserer Region betrachtet sich als Teil (als Mittelpunkt) von Europa und nutzt die Vorteile und Chancen, die sich daraus ergeben. Europa wird auch als Watschenmann (symbolisch) benutzt, um sich abzureagieren. Kritik an nicht oder schlecht funktionierenden Teilen des Systems mit Verbesserungsvorschlägen halte ich für notwendig.
LEADER setzt auf Beteiligung, Eigenverantwortung und Innovation. Welche dieser Prinzipien waren im Südlichen Waldviertel – Nibelungengau besonders wirksam?
Beteiligung ist ein wichtiger Faktor. Durch das Bottom-Up-Prinzip des LEADER-Programms erstellt die Bevölkerung der Region die Strategie mit den Zielen für jeweils sieben Jahre selbst. Durch ihre Vertreterinnen und Vertreter in der LEADER-Aktionsgruppe (LAG) und des Projektauswahlgremium (PAG) werden die Projekte und der Umfang der Unterstützung festgelegt. Durch die Mitwirkung vieler Menschen wird die positive Botschaft der Europäischen Union weiter verbreitet.
Woran machen Sie den Erfolg von LEADER in Ihrer Region konkret fest?
Wir konnten in unserer Region über 500 Projekte mit Tatkraft, Ideen, Wissen und Fördermitteln unterstützen. Viele davon existieren nur, weil es das LEADER-Programm zur Entwicklung unserer ländlichen Region gab und gibt. Rund 20 Millionen Euro haben seit 2002 Investitionen in Höhe von 60 Millionen Euro ausgelöst. Etwa 120 Arbeitsplätze wurden geschaffen oder gesichert.
Der GAP-Strategieplan hebt Themen wie Klimaanpassung, Vitalisierung von Ortskernen und regionale Wertschöpfung hervor. Wie adressiert die Region Südliches Waldviertel – Nibelungengau diese Herausforderungen – und welche Rolle spielt LEADER dabei konkret?
Das Projekt „Klimafit im Alter“ wird derzeit in der KLAR!-Region Waldviertler Kernland mit unserer Unterstützung durchgeführt. Im Frühjahr 2025 wurde ein Hybridladen „Die Dorfgreißlerei“ eröffnet, die nach langer Zeit den Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Gemeinde wieder eine Einkaufsmöglichkeit bietet. Die „Dorfladenbox“ und ein „Dorfoffice“ sind weitere aktuelle Beispiele zur Belebung der Ortskerne und Erhöhung der Wertschöpfung.
Der GAP-Strategieplan 2023–2027 gibt der regionalen Entwicklung neue Impulse. Wo sehen Sie heute konkrete Chancen – und welche strukturellen Hürden gilt es aus LEADER-Sicht zu überwinden?
Vor einigen Jahren hat eine Studie der BOKU den „Lebenswert“ unserer Region anhand von Zahlen, Daten und Fakten mit einigen städtischen Regionen verglichen – das sehr positive Ergebnis hat mich nachhaltig beeindruckt und in vielen meiner Ansichten bestätigt. Konkrete Chancen sehe ich, wenn Innovation als „Neuschöpfung“ zugelassen und nicht nur gesprochen und geschrieben wird.
LEADER lebt von Austausch und Lernen – regional wie europäisch. Welche Bedeutung hat Kooperation in Ihrer Region? Und was geben Sie anderen Regionen dazu mit auf den Weg?
Wir leben Zusammenarbeit in der Region, in Niederösterreich, in Österreich und in ganz Europa. Bei „LEADER-NÖ“ arbeiten alle Regionen unseres Bundeslandes zusammen. Unser Geschäftsführer Thomas Heindl ist Obmann dieser Vereinigung. Im LEADER-Forum Österreich waren wir im Juni 2025 bei der Jahrestagung in Schladming aktiv. Bei LINC2025 in St. Anton erfolgte der Austausch auf internationaler Ebene. Lernen und Austausch führten uns bei Tagungen, Konferenzen und Exkursionen bis nach Georgien.
2025 steht bei uns im Netzwerk unter dem Motto #MutSchafftZukunft. Wann war Mut im Südlichen Waldviertel & Nibelungengau entscheidend – etwa in der Zusammenarbeit, in politischen Prozessen oder im Umgang mit Widerständen?
Mut ist fast ständig notwendig, um Hindernisse des Alltags, Hürden des Systems und die Paradigmen in den Köpfen zu überwinden. Dazu gehört ein gewisses Maß an Beharrlichkeit (um nicht Sturheit zu sagen), Freiheit im Kopf, Kreativität und visionäres Denken.
Welche mutigen Entscheidungen braucht es heute, um LEADER als wirksames Instrument für Transformation, Innovation und regionale Resilienz zu sichern?
Meines Erachtens brauchen wir nur drei Ebenen: Die LEADER-Organisation vor Ort zur Unterstützung der Projektant:innen; AMA zum Einreichen der Projekte und Auszahlung der Fördermittel; ein Prüfgremium. Das spart enorm viel Zeit und Geld. Gerne bin ich bereit, meine Erfahrungen näher auszuführen.
Wenn Sie auf Ihre Jahre mit LEADER in der Region Südliches Waldviertel – Nibelungengau zurückblicken: welche Aufgabe bleibt für die kommenden Jahre zentral?
Die Stärkung des Botton-Up-Prinzip bringt die Europäische Union direkt in die Häuser. Wenn die Menschen verstehen, dass sie selbst die „Europäische Union“ sind, wird sich die Gemeinschaft weiter entwickeln.
Interview: Netzwerk Zukunftsraum Land/ Michael Fischer, Matthias Neumeister, Stephanie Topf