Region im Fokus: Netzwerk Zukunftsraum Land unterwegs in Tirol

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Seit fast zwei Jahrzehnten begleitet das Netzwerk Zukunftsraum Land die ländlichen Räume Österreichs auf ihrem Weg durch Wandel und Transformation. Mit Wissen, Austausch und Expertise werden auch in dieser Periode Akteurinnen und Akteure dabei unterstützt, mutig neue Wege zu gehen und die Herausforderungen von Klimawandel, Versorgungssicherheit, Lebensqualität und Innovation aktiv zu gestalten. Im Vorfeld der Jahreskonferenz 2025 gibt unsere Projektleiterin Sophia Glanz Einblicke aus Netzwerk-Sicht in Chancen, Herausforderungen und den Wert des Mutes.

1. Frau Glanz, das Jahresthema 2025 lautet #MUTSCHAFFTZUKUNFT. Was bedeutet Mut in Ihrer täglichen Arbeit mit den Akteurinnen und Akteuren im ländlichen Raum – und warum ist gerade jetzt dieser Mut so entscheidend?

Mut in unserer Arbeit bedeutet für mich, gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren im ländlichen Raum Neues zu wagen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und innovative Wege einzuschlagen – auch dann, wenn die Ergebnisse noch nicht völlig absehbar oder Hürden zu erwarten sind. Mut braucht es auch, um Ideen, die vielleicht auf den ersten Blick unkonventionell oder unbeliebt wirken, umzusetzen und somit wichtige Impulse für die Zukunft geben. 

Gerade jetzt ist dieser Mut entscheidend, weil wir vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen stehen – von der Klimakrise über die Digitalisierung bis hin zu sozialen Veränderungen. Der ländliche Raum ist dabei kein „Nachzügler“, sondern kann mit Kreativität, Zusammenhalt und Gestaltungswillen Vorreiter sein. Mut schafft die Basis, um Veränderungen aktiv zu gestalten, Chancen sichtbar zu machen und die Zukunft im ländlichen Raum positiv zu prägen.

2. Tirol steht heuer im Mittelpunkt der Jahreskonferenz. Wie kam es dazu und was macht die Region besonders spannend?

Es ist uns bei der Wahl unserer Austragungsorte immer wichtig, an die Basis zu gehen und Projekte und Regionen vor den Vorhang zu holen. Nachdem die letzte Konferenz im Osten (Mistelbach) stattgefunden hat, sind wir nun bewusst in den Westen gegangen. Tirol wurde als Gastgeber Region gewählt, weil hier viele zentrale Zukunftsthemen des ländlichen Raums sichtbar werden: vom Umgang mit dem Klimawandel über nachhaltigen Tourismus in Verbindung mit Naturschutz bis hin zur Frage, wie traditionelle Landwirtschaft innovativ interpretiert werden kann. 

Tirol zeigt eindrucksvoll, wie Regionen mit starken kulturellen Wurzeln gleichzeitig mutig neue Wege gehen – sei es in der Energieversorgung, in der Landwirtschaft oder in der Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Besonders spannend ist auch die grenzüberschreitende Perspektive: Tirol liegt im Herzen der Alpen und steht in engem Austausch mit den Nachbarregionen. Diese Lage macht es zu einem idealen Ort, um europäische Zusammenarbeit im ländlichen Raum konkret erlebbar zu machen. Tirol ist zum Beispiel das einzige Bundesland, das eine Fördermöglichkeit über CLLD (Community-Led Local Development) ermöglicht – auch das ist sehr mutig und innovativ. 

3. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort?

Die Teilnehmenden können sich auf zwei Tage voller Inspiration, Austausch und gelebtem Mut freuen. In Tirol greifen wir das Jahresthema #MUTSCHAFFTZUKUNFT auf und zeigen, wie Mut im ländlichen Raum ganz konkret wirkt – durch innovative Projekte, neue Partnerschaften und mutige Stimmen aus unterschiedlichen Bereichen.

Es erwartet sie ein vielfältiges Programm: spannende Keynotes, Exkursionen zu Projekten vor Ort und natürlich viel Raum für Vernetzung. Besonders wichtig ist uns, dass die Menschen Impulse für ihre eigenen Regionen mitnehmen. So wird die Jahreskonferenz zu einem Ort, an dem Mut ansteckend wirkt und Zukunft greifbar wird.

4. Welche besonderen Chancen oder auch Herausforderungen sehen Sie für ländliche Regionen wie zum Beispiel Rotholz und Steinberg am Rofan, die beiden Orte der Konferenz, wenn es darum geht, mit Zuversicht und Weitsicht in die Zukunft zu blicken?

Rotholz und Steinberg am Rofan stehen stellvertretend für viele ländliche Regionen: Sie sind reich an Natur, Kultur und Gemeinschaftssinn – das sind enorme Chancen, wenn es darum geht, Zukunft mit Zuversicht zu gestalten. Gerade kleinere Orte können mit Kreativität, Vernetzung und mutigen Ideen sehr schnell sichtbare Veränderungen bewirken und Vorbilder für andere Regionen werden.

Die Herausforderung liegt darin, den Spagat zwischen Bewahrung und Erneuerung zu schaffen: Wie gelingt es, die einzigartige Identität zu bewahren und gleichzeitig neue Wege in Bereichen wie Klimaschutz, Digitalisierung, Mobilität oder Daseinsvorsorge einzuschlagen? Hier braucht es Weitsicht, damit Innovation nicht als Bruch, sondern als Weiterentwicklung erlebt wird. Wenn dieser Weg gelingt, entstehen Zukunftsräume, die nicht nur lebenswert sind, sondern auch Strahlkraft über die eigene Region hinaus entwickeln.

5. Oft sind es nicht nur Erfolge, sondern auch Umwege, die weiterbringen. Welche Rolle spielen Lernprozesse, Fehlerkultur und der konstruktive Umgang mit Rückschlägen in der ländlichen Entwicklung?

In der ländlichen Entwicklung sind Lernprozesse genauso wichtig wie sichtbare Erfolge. Denn Innovation entsteht selten geradlinig – oft braucht es Mut, etwas auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und auch mit Rückschlägen umzugehen. Entscheidend ist, dass wir eine Kultur fördern, in der Fehler nicht als Scheitern gelten, sondern als wertvolle Schritte auf dem Weg zu besseren Lösungen.

Gerade im ländlichen Raum, wo Ressourcen oft begrenzter sind, braucht es diesen konstruktiven Umgang mit Herausforderungen. Wenn wir aus Umwegen lernen, gemeinsam reflektieren und uns gegenseitig unterstützen, dann entsteht nicht nur Resilienz, sondern auch die Zuversicht, dass Veränderung machbar ist. So wird jeder Schritt – ob Erfolg oder Umweg – Teil eines nachhaltigen Entwicklungsprozesses.

6. Mut braucht auch Unterstützung. Welche Faktoren erleben Sie aktuell als hilfreich, damit Menschen und Projekte trotz Unsicherheiten ihre Ideen verwirklichen können?

Mut wächst dort, wo Menschen spüren, dass sie nicht alleine sind. Hilfreich sind vor allem funktionierende Netzwerke, die den Austausch und die Zusammenarbeit fördern. Ebenso wichtig sind Fördermöglichkeiten, die Ideen finanzierbar machen, und politische Rahmenbedingungen, die Innovation zulassen.

Aber auch durch Anerkennung und Sichtbarkeit werden mutige Projekte unterstützt: Wenn engagierte Menschen erleben, dass ihr Einsatz wahrgenommen und wertgeschätzt wird, dann bestärkt sie das, ihre Ideen auch in unsicheren Zeiten weiterzuverfolgen. So verbinden sich Mut und Unterstützung zu einer Kraft, die den ländlichen Raum voranbringt.

7. Die Konferenz steht heuer auch unter dem Zeichen von „30 Jahre Österreich in der EU“. Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Handlungsspielraum für mutige Projekte in den letzten drei Jahrzehnten verändert – und was nehmen wir daraus für die Zukunft mit?

In den vergangenen 30 Jahren hat die EU-Mitgliedschaft Österreichs den Handlungsspielraum für mutige Projekte im ländlichen Raum enorm erweitert. Mit Programmen wie LEADER oder CLLD wurden Strukturen geschaffen, die es ermöglichen, dass Menschen vor Ort ihre Ideen entwickeln und mit europäischer Unterstützung umsetzen können. Auch im agrarischen Bereich war der EU-Beitritt ein Meilenstein: Mit Programmen wie dem ÖPUL wurde ein starker Anreiz geschaffen, Landwirtschaft nachhaltig zu gestalten, Umweltleistungen sichtbar zu machen und innovative Wege in der Bewirtschaftung zu gehen.

Aus kleinen Pilotprojekten sind so vielfach Vorzeige Initiativen geworden – sei es in der Regionalentwicklung oder in der Landwirtschaft –, die weit über die eigene Region hinaus wirken. 

Für die Zukunft nehmen wir mit: Mutige Projekte brauchen weiterhin einen klaren Rahmen, Verlässlichkeit in der Förderung – und gleichzeitig Freiräume für Innovation. Die europäische Ebene bleibt dabei eine wichtige Partner:in, denn sie eröffnet Perspektiven und stärkt das Vertrauen, dass regionale Ideen Teil einer gemeinsamen europäischen Zukunft sind.

Interview: Netzwerk Zukunftsraum Land/ Stephanie Topf

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