Dürfen wir vorstellen? Die Farmfluencer! – Leni vom Bichlhof
In jedem Jahr behandeln wir als Netzwerk Zukunftsraum Land ein Schwerpunktthema der Vernetzungsarbeit, 2025 ist es das Thema #MutSchafftZukunft. Mut bedeutet, trotz Unsicherheiten den ersten Schritt zu wagen – denn in jedem mutigen Moment liegt die Chance, die Zukunft aktiv mitzugestalten!
Dürfen wir vorstellen? Die Farmfluencer!
Vor zwei Jahren hat der Verein Wirtschaften am Land das Projekt farmfluencer_at ins Leben gerufen. Farmfluencer sind junge Bäuerinnen und Bauern, die über soziale Medien Einblicke in die Landwirtschaft geben. 24 Farmfluencer aus ganz Österreich zeigen der Gesellschaft das echte Leben am Hof und erklären, was die österreichische Land- und Forstwirtschaft leistet. Mit authentischen und informativen Beiträgen erreichen sie tausende Menschen und bringen dabei nicht nur die schönen Seiten der Landwirtschaft näher, sondern beleuchten auch die Herausforderungen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert sind. Gerade in einer Zeit, in der ein Großteil der Bevölkerung die Verbindung zur Landwirtschaft verloren haben, leisten die Farmfluencer wertvolle Aufklärungsarbeit. Zusammen mit der Jungen Landwirtschaft Österreich (JLW) möchten sie die Agrarkommunikation auf die nächste Stufe heben. Bei diesem gemeinsamen Projekt liegt ein besonderer Fokus auf den Themen Tierwohl, Kreislaufwirtschaft und der Reduzierung von Lebensmittelverschwendung. um das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu schärfen und positive Veränderungen zu bewirken.
Wir haben mit Magdalena Esterhammer, bekannt als „Leni vom Bichlhof” über das Thema „Mut“ gesprochen.
Mut bedeutet, auch in unsicheren Zeiten nach vorne zu gehen. Was hat dich dazu bewogen, dich als Farmfluencerin digital zu zeigen und Einblicke in deinen landwirtschaftlichen Alltag zu geben? Wo liegen deine Schwerpunkte?
Wenn wir nicht selbst darüber reden, dann reden andere über uns. Es geht mir darum, die Realität und die Herausforderungen des Bauernlebens zu teilen – die guten wie auch die schwierigen Momente – und so ein besseres Verständnis für die Landwirtschaft zu schaffen. Eigentlich sind es die Alltagssituationen, über die wir öffentlich viel mehr reden sollen und über die wir Verständnis zu den Konsument:innen bekommen. Zeigen, erklären, Fragen beantworten, mitfühlen lassen.
Farmfluencen habe ich begonnen, als meine Tochter noch kein Jahr war, es war Corona und es gab keine Veranstaltungen, ich kannte kaum jemanden in dem Bereich und war plötzlich Bäuerin. Der Weg über Social Media ermöglichte mir, mich dennoch auszutauschen. Ich habe wahnsinnig viel schon von anderen gelernt mit Zuschauen und Nachfragen. Mittlerweile darf ich für manche mit meiner Ehrlichkeit ein Vorbild sein.
Ich zeige die Berglandwirtschaft, wir haben keinen Traktor, aber viele Spezialgeräte, die kaum jemand kennt. Im Sommer ist mein Schwerpunkt draußen – Weiden herrichten, Tiere rauslassen und jeden Tag 2x kontrollieren. Sobald die Kühe von der Alm heimkommen, bin ich überwiegend im Stall, abends melke ich fast immer. Wie sagt mein Mann oft – du hast das Feingefühl fürs Vieh, deshalb habe ich das Gesundheitsmanagement am Handy und bin soweit es sich zeitlich ausgeht beim Kalben dabei.
In Zeiten des Klimawandels, wirtschaftlicher Herausforderungen und gesellschaftlicher Veränderungen braucht es innovative Ansätze. Welche mutigen Entscheidungen hast du in deinem Betrieb getroffen, um zukunftsfähig zu bleiben?
Wir haben uns eingestanden, dass wir von der Landwirtschaft nicht voll leben können, deshalb bin ich nach den Kindern immer recht zeitnah wieder stundenweise zurück in den Job. Auf der Basis haben wir aufgebaut – der Betrieb muss zu bewirtschaften sein, auch wenn die Bäuerin arbeiten geht.
Wir haben zuallererst in Technik investiert. Motormäher gekauft und die dazugehörigen Anbaugeräte. Nur so können wir die steilsten Flächen halbwegs kraftsparend mähen. Es bringt mir ein moderner Stall hier oben nichts, wenn ich mein Grundfutter nicht selbst erzeugen kann. Dazu kam die Digitalisierung: ein Gesundheitsmanagementsystem für die Herde, Kameras, intelligente Lichtschalter, W-Lan im Stall. Im nächsten Schritt möchten wir in Richtung energieautark gehen und Schritt für Schritt dann auch die Zeit verkürzen, in der die Kühe im Winter im Stall sind. Wir haben nicht viel Platz hier oben und jeder Bauschritt ist mit immensen Kosten verbunden, aber langsam soll es Richtung Freilauf gehen.
Mittlerweile ist auch der Naturschutz ein Standbein des Betriebes. Wir haben unsere Bewirtschaftung komplett umgeschmissen, das mosaikförmige Arbeiten ausgebaut. Einfache Flächen mähen wir öfter, komplizierte und aufwendige weniger oft. Das ist eine Win-Win Situation für Mensch und Natur.
Veränderungen sind oft mit Unsicherheiten verbunden und manchmal läuft nicht alles nach Plan. Gab es in deinem Berufsalltag Momente des „Scheiterns“ beziehungsweise des Wieder-Aufstehens – und was/ hast du daraus für dich (und deinen Betrieb) gelernt?
Die gab es, wir hätten eigentlich heuer gebaut, aber besonders im Bereich der Übergabe zwischen den Generationen ist es nicht immer so einfach. Für mich habe ich dabei herausgefunden, ohne Kühe kann ich nicht und die müssen irgendwie bleiben, besonders die Grauen. Da steckt einfach zu viel Liebe drinnen.
Was gibt dir persönlich Kraft und Zuversicht, trotz der vielen Herausforderungen, mit Leidenschaft und Innovationsgeist in die Zukunft der Landwirtschaft zu blicken?
Die nächste Generation, ich will ihnen zeigen, da steckt mehr dahinter und besonders wenn ich aktiv einen Beitrag in den Bereichen Umwelt, Klima oder Nachhaltigkeit leisten will, muss ich selbst etwas tun.
Man merkt, wie viel man selbst damit bewegen kann und wie schön es ist, mit den Händen zu arbeiten. Zu sehen, welche Früchte es trägt.
Ganz wichtig sind für mich die Berge, hier oben habe ich früher schon immer Kraft geschöpft und das ist mein persönlicher Luxus – jeden Tag oben wohnen zu dürfen. Früher habe ich aufgeblickt, heute schaue ich runter und bin dem Himmel ein wenig näher. Die Ruhe hier oben über dem Tal, die vermeintliche Abgeschiedenheit – eigentlich sind es nur wenige Minuten hinunter in eines der tourismusstärksten Täler Österreichs – die Bewegung draußen, das brauche ich zum glücklich Sein.
Mut ist ansteckend und Vorbilder können viel bewirken. Was würdest du anderen jungen Menschen raten, die sich für die Landwirtschaft interessieren, aber vielleicht Angst vor Unsicherheiten und Herausforderungen in diesem Beruf haben?
Das Leben so kommen lassen, wie es kommt. Tief in meinem Inneren habe ich mir immer gewünscht, wieder mit Tieren zu arbeiten und draußen zu sein. Das Leben hat mich auf Umwege geführt, ich hätte mir nie vorstellen können, als „Studierte“ wieder auf einem Hof zu leben. Es ist wichtig, sich darauf einzulassen und zu überlegen, wie es zu einem passen könnte. Ganz wichtig finde ich, man muss nicht wie die Generation davor leben, man darf moderne Wege gehen. Die Techniken, von denen man denkt, man braucht sie, auf den Hof holen, sich interessieren – ich finde die Landwirtschaft lebt von den Menschen, die außerhalb Eindrücke gesammelt haben und sie einbringen. Es belebt.
Gibt es Momente, in denen du spürst, dass es als Frau in der Landwirtschaft besonderen Mut braucht? Wenn ja, wie gehst du damit um?
Die Momente gibt es immer wieder, sie kommen in verschiedenen Dimensionen vor. Manchmal brauche ich besonderen Mut, damit ich mich mit dem Motormäher wieder in den steilen Hängen zu fahren traue. An anderen Tagen ist es der Mut, Feminismus auf den Hof zu bringen. Ich bin nicht die kochende und backende Bäuerin, obwohl ich das manchmal sehr gerne mache und auch ziemlich gut kann. Wir teilen uns in der Partnerschaft vieles auf, nutzen externe Kinderbetreuung und je nachdem, was am Hof und in den Jobs ansteht, organisieren wir uns. Das ist nicht selbstverständlich, als Frau so zu leben, besonders nicht in der Landwirtschaft, das bekomme ich immer wieder zu spüren.
Was bedeutet „Mut“ für dich persönlich?
Sobald ich an das Wort denke, fällt mir der Satz ein, „mit Mut fangen die schönsten Geschichten an“. Hätte ich damals nicht „ja“ gesagt, wäre ich heute nicht hier.
Eines mag ich noch mitgeben, es braucht viel Mut, sich als Frau zu erheben und die eigene Meinung zu sagen. Sich einzubringen und mitzureden, ist nicht selbstverständlich, aber genau das muss es werden.
Magdalena Esterhammer im Interview mit Netzwerk Zukunftsraum Land/ Stephanie Topf