Regionen gestalten, Orte verstehen

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Mut zur Gestaltung entsteht dort, wo Menschen mit ihrem Umfeld verbunden sind. Die Jahreskonferenz 2025 des Netzwerks Zukunftsraum Land steht unter dem Motto „Mut schafft Zukunft“ – und fragt: Wie können wir die Kraft von Regionen nutzen, um Wandel und Innovation zu gestalten? Ein zentraler Schlüssel dafür ist der „place-based-Ansatz“, der  berücksichtigt, dass Räume (Gemeinden, Regionen) unterschiedlich in Herausforderungen wie auch Lösungs Potenzialen sind. LEADER/CLLD – Community-Led Local Development – ist das strukturgebende Prinzip dahinter, in Form einer von einer Gemeinschaft getragenen Entwicklung, die sich gemeinsam definierten Entwicklungszielen verschrieben hat. Tirol verfolgt diesen Ansatz sehr konsequent – auch jenseits dera Gemeinsamen Agrarpolitik, respektive ländlichen Entwicklung.
Wir haben mit Christian Stampfer, Leiter der Abteilung Landesentwicklung des Landes Tirol, über CLLD, die Region als Raum des gemeinsamen Gestaltens und über „Partnerschaften zwischen den Ebenen“ gesprochen. 

Herr Stampfer, der Begriff „place-based“ steht heute für eine Entwicklungskultur, die von den Besonderheiten eines konkreten Raumausschnitts ausgeht, seien es Entwicklungsnotwendigkeiten oder auch Lösungspotenziale. Diesem Prinzip folgen wir als Netzwerk auch bei  unserer Jahreskonferenz, weil es uns eine Region, einen Ort, das Lokale im jeweiligen Kontext besser verstehen lässt. Welche Rolle spielt dieses Denken in Ihrer täglichen Arbeit?

Die Regional- und Landesentwicklung lebt von ihrer Vielfalt sowohl in Bezug auf die handelnden Personen als auch den jeweiligen Voraussetzungen und Chancen, die es in den Regionen gibt. Wir versuchen diese Vielfalt bestmöglich zu unterstützen und zu fördern. Zielsetzung ist es, dass Regionen auf ihren Stärken aufbauen und diese konsequent weiterentwickeln können. Es braucht aber dafür auch ein einheitliches Strukturmodell auf der Basis von LEADER, damit der Mehrwert auch auf Landes- und Bundesebene erkannt wird.

Nun sind wir mit unserer Jahreskonferenz 2025 zu Gast in der Region Schwaz in Tirol. Was bedeutet „place based“ gerade hier? Was sind die zentralen Herausforderungen/ was die Potenziale? 

Der Bezirk Schwaz ist ein sehr dynamischer Bezirk mit einer breiten Wirtschaftsstruktur, sowohl was Industrie, Gewerbe und Handwerk als auch den Tourismus betrifft. Bildung, Innovation, Gesundheit, Landwirtschaft und Kultur sind weitere Treiber:innen der regionalen Entwicklung. Die große Dynamik im Bezirk bedingt auch verstärkte Herausforderungen im Bereich der nachhaltigen Mobilität und der Anreise der Gäste, der Dekarbonisierung als Wachstumschance für die Region, die Stärkung der Region im Bereich der Lebensqualität und der Daseinsvorsorge. Das Regionalmanagement Schwaz konzentriert im Zuge der Umsetzung auf diese Herausforderungen und Potenziale.  Dekarbonisierung und Klimaschutz werden in enger Kooperation mit der Klima- und Energiemodellregion vor Ort umgesetzt. Bezirksweit wurden als Umsetzung Plattform eine Mobilitätskoordinationstelle und eine zentrale Koordinationsstelle für Kultur eingerichtet. Im Ausbildungsbereich wird ein Schwerpunkt auf Landwirtschaft (Schulprojekte mit der LLA Rotholz), dem MINT-Bereich und der Pflege gelegt.

Wie kann ein Ort wie Rotholz – mit seiner Landwirtschaftlichen Lehranstalt (LLA), seiner Lage im Inntal, seiner Bildungsfunktion – zum Resonanzraum für ländliche Zukunftsfragen werden?

Bildung ist grundsätzlich die Basis für die zielgerichtete Lösung der Zukunftsfragen sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum. In der LLA Rotholz erhalten junge Menschen eine fundierte praktische und theoretische Ausbildung. Durch Vermittlung von Wissen und Innovation trägt die LLA Rotholz dazu bei, dass nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken etabliert werden, die Wirtschaftlichkeit gestärkt und die Lebensqualität auf dem Land verbessert wird. Die Lehranstalt ist ein Ort, an dem Zukunftsfragen aktiv gestaltet und positive Impulse für alle ländlichen Regionen in Tirol gesetzt werden.

Tirol ist bekannt dafür, LEADER als zentrale Methode für Regionalentwicklung anzuwenden und vieles darauf aufzubauen. Wie kam es dazu? 

Bis 2006 gab es in Tirol zwei Modelle der Regionalentwicklung – klassische Regionalmanagements und LEADER-Regionen. Die LEADER-Methode mit dem bottom-up Ansatz, der Entscheidungsverantwortung auf lokaler Ebene, dem klaren strategischen Fokus, der breiten regionalen Beteiligung, der Vernetzung sowie dem integrierten und kooperativen Ansatz bildet die Basis dafür, dass Regionen wirklich eigenständig ihre Entwicklungspotentiale nutzen können. Regionalentwicklung kann aus unserer Sicht nicht von oben verordnet werden. Deshalb haben wir uns für den LEADER-Ansatz als einziges Modell entschieden. In Tirol verbinden wir diesen Gedanken des bottom-up Ansatzes von LEADER mit unseren strategischen Überlegungen auf Landesebene. 

Inwiefern ist es mit LEADER/CLLD in Tirol möglich, „integriert“ – also verbindend zwischen Landwirtschaft, Wirtschaft und Tourismus, Klimaschutz, Mobilität oder Daseinsvorsorge zu arbeiten?

Auf regionaler Ebene gibt es diese vermeintlich klar abgegrenzten „Silos“ nicht. LEADER-Projekte sprechen im Regelfall immer mehrere Bereiche an. Auf regionaler Ebene versuchen die LEADER Regionen die Themen daher ganzheitlich zu denken. Ein Beispiel ist das Leerstandsmanagement – eine klassische Frage der Daseinsvorsorge und der Lebensqualität im ländlichen Raum – mit Querbezug zur Wirtschaft  und dem Tourismus, dem Klimaschutz, der Landwirtschaft und der nachhaltigen Mobilität.  Reduktion von Leerstand schafft attraktive Ortskerne mit hoher Aufenthaltsqualität, kurze Wege und damit die Voraussetzung von nachhaltiger Mobilität sowie die Verringerung der Bodenversiegelung und damit den Schutz von hochwertigen landwirtschaftlichen Böden. 

Das Land Tirol hat sich mit der Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie ehrgeizige Ziele gesetzt. Die Zusammenarbeit zwischen Land und Regionen hat dabei einen wichtigen Stellenwert. Können Sie dies etwas näher erklären?

Klimaschutz und Klimawandelanpassung sind sehr zentrale Elemente einer zukunftsorientierten Regionalentwicklung. Zur Umsetzung der Tiroler Nachhaltigkeits- und Klimastrategie, der lokalen Entwicklungsstrategien sowie des Europäischen Green Deal ist eine enge Kooperation zwischen dem Land Tirol und den Tiroler Regionalmanagements entscheidend. Die erfolgt im Zuge von themarischen Umsetzungspartnerschaften in den Bereichen Mobilität, Tourismus, Energiewende & Klimaschutz, Klimawandelanpassung, Kreislaufwirtschaft & Bioökonomie, Innovation, Freiwilligenpartnerschaft  sowie  Leerstandsmanagement zur Stärkung von Stadt- und Ortskernen. Mit Bündelung der Kräfte soll es gelingen, die erforderliche Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam und breit abgestimmt voranzutreiben.

Wie gelingt es, aus regionalen Projekten für das gesamte Land zu lernen – also Erkenntnisse aus Regionen in größere Entwicklungsprozesse einzubinden? Welche Bedeutung haben die Regionen als „Transformationsmotoren“ dabei?

Ja, das gelingt. In den Regionen wird die Umsetzung vor Ort gestaltet und somit auch Innovation dem Praxistest unterzogen. Gelingt es dabei den Regionen ihre Umsetzung mit übergeordneten Konzepten und strategischen Überlegungen zu verbinden, dann wird die Basis für die Implementierung der regionalen Erfahrungen  für größere Entwicklungsprozesse gelegt. Vertikale Governance und Kooperation auf Augenhöhe zwischen den Regionen und den übergeordneten Ebenen ist dabei ein zentrales Element. Wichtig ist, dass der Mehrwert und Nutzen für alle erkennbar ist. Das heißt, sowohl die Regionen, als auch das Land müssen sich aktiv einbringen und gemeinsame Ziele verfolgen. Dies erfolgt in Tirol im Rahmen der Umsetzungspartnerschaft zwischen dem Land Tirol und den Regionen auf Basis eines strukturierten Prozesses. Jüngstes Beispiel ist die flächendeckende Ausrollung der MINT-Initiative – eine Kooperation der Bildungsdirektion Tirol mit den Tiroler Regionalmanagements auf Basis eines LEADER-Pilotprojekts in Landeck.

Unser Netzwerk- Jahresmotto lautet „Mut schafft Zukunft“. Wo sehen Sie derzeit den größten Mut in der Regionalentwicklung?

Eine zentrale Aufgabe der Regionalentwicklung ist es, Herausforderungen anzupacken, Veränderungen anzunehmen und innovative Ideen umzusetzen. Mut ist die Grundlage für Fortschritt in Form einer nachhaltigen Entwicklung sowie die Basis für die Entfaltung der Potentiale in einer Region. Mutig ist die Regionalentwicklung dann, wenn sie als Motor des Veränderungsprozesses agiert und den Schritt wagt, alte Gewohnheiten, eingefahrene Strukturen oder bekannte Wege zu verlassen. Dabei müssen oft auch Widerstände überwunden und Rückschläge in Kauf genommen werden. Es ist eine wichtige Voraussetzung, die notwendige Transformation und erforderliche Verhaltensänderungen in der Gesellschaft erfolgreich zu gestalten. Die Regionalentwicklung hat dabei als regionale Plattform eine zentrale Rolle bei der maßgeschneiderten Umsetzung für die jeweilige Region. 

Was braucht es darüber hinaus politisch und kulturell, damit Regionen mutige Wege gehen können – und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Vorhaben scheitern dürfen?

Wir haben ein gut etabliertes Governance-System und schon sehr viel  erreicht in Bezug auf breite Beteiligung und Einbindung aller relevanten Akteure. Zentrale Herausforderung bleibt es aber, die Umsetzung einfacher, effizienter und wirksamer zu machen. Es braucht politisch und kulturell den Mut, den Regionen solche Rahmenbedingungen zu geben, dass der Großteil ihrer Energie in die Umsetzung von Projekten fließen kann. Derzeit dominiert leider sehr oft der Verwaltungsaufwand und eine Scheu vor Risiko. EU-Kommissar a.D. Franz Fischler hat schon 1997 gemeint, dass LEADER die Rolle einer „Experimentierwerkstätte für den ländlichen Raum“ übernehmen soll – somit können auch implizit einzelne innovative Vorhaben scheitern. Neue Wegen zu versuchen ist die Basis für eine zukunftsfähige Regionalentwicklung und damit für die Stärkung der Regionen. Dieser Anspruch kann leider nur zum Teil erfüllt werden – hier gilt es  auf allen Ebenen die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. 

Interview: Netzwerk Zukunftsraum Land/ Michael Fischer, Stephanie Topf

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