Ökosystemleistungen in der Land- & Forstwirtschaft – eine wissenschaftliche Einordnung
Wie viel ist uns Bestäubung wert? Was kostet verlorene Bodenfruchtbarkeit – und welchen Preis hat eine vielfältige Kulturlandschaft? Der Beitrag von Martin Schönhart zeigt, welche unverzichtbaren Leistungen Agrar- und Forstökosysteme für unsere Gesellschaft erbringen, wie Landwirtschaft und Politik dieses Leistungsportfolio beeinflussen – und warum es entscheidend ist, Ökosystemleistungen künftig besser zu erfassen, zu steuern und auch finanziell anzuerkennen.
Leistungen aus agrarischen, forstwirtschaftlichen und natürlichen Ökosystemen sind für uns Menschen unersetzbar. Land- und Forstwirtschaft verändern gezielt das Portfolio an Ökosystemleistungen und Agrarpolitiken greifen wiederum steuernd in das Management ein, um gesellschaftliche Ziele zu erreichen.
Ökosystemleistungen (ÖSL) sind materielle und immaterielle Leistungen, die Ökosysteme bereitstellen. Sie können von Menschen direkt genutzt werden. In der Kategorie bereitstellende oder versorgende ÖSL sind das Güter wie Wasser für den Verzehr oder die Energieproduktion oder die pflanzliche und tierische Biomasse zur Nutzung als Nahrungsmittel, Tierfutter, industrielle Rohstoffe oder Energieträger. Selbst mineralische Ressourcen lassen sich hier zuordnen. Zu den regulierenden ÖSL zählen Prozesse in Ökosystemen, die oft nicht unmittelbar von Menschen genutzt werden, aber von enormer Bedeutung für die Regulationsfähigkeit des Systems Erde und damit eine Grundlage menschlichen Lebens sind. Darunter fallen die Nährstoffkreisläufe, die Bestäubungsleistung durch Insekten, die Erosionsminderung durch die Vegetation, die Verbreitung von Samen, die Krankheits- und Schädlingsbekämpfung, die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit oder der Abbau von Biomasse. Kulturelle ÖSL als dritte Kategorie beeinflussen die mentale und körperliche Gesundheit der Menschen. Die Natur dient dabei als Ort der Freizeitgestaltung, der kulturellen und spirituellen Inspiration und ist identitätsstiftend, denkt man etwa an das „Land der Berge, Land am Strome“.
Biodiversität ist als Begriff für die Vielfalt an Erbgut, Arten und Lebensräumen keine Kategorie der ÖSL, aber eine entscheidende Grundlage für deren Qualität, Quantität und Stabilität. Beispielsweise können artenreiche Ökosysteme höhere Biomasseerträge bereitstellen durch die Nutzung ökologischer Nischen. Umgekehrt fällt die Bereitstellung und die Regulation von Habitaten und damit die Lebensraumqualität in den Bereich der ÖSL.
„Wo Licht ist, findet sich auch ein Schatten.“ Im Falle von ÖSL sind es jene im Englischen als „disservices“ bezeichneten Leistungen, die für Menschen nachteilig sind. Beispiele dafür sind der Ausbruch einer Tierseuche oder die allergene Wirkung von Pollen.
Land- und Forstwirtschaft erbringen als wirtschaftliche Aktivitäten des Menschen keine ÖSL, beeinflussen aber durch die gezielte Veränderung der Ökosysteme deren Qualität und Quantität. ÖSL stehen zueinander in Wechselwirkungen woraus sich Synergien und Zielkonflikte ergeben können. In Agrarökosystemen werden, im Vergleich zu einem natürlichen Ökosystem mit geringen menschlichen Eingriffen, bestimmte ÖSL erhöht (z.B. Biomasseerträge von Kulturpflanzen) auf Kosten anderer (z.B. Kohlenstoffspeicherung, Erosionskontrolle). Manche Disservices entstehen erst durch menschliche Eingriffe, zum Beispiel die Resistenzen von Beikräutern gegenüber Wirkstoffen. Andere ÖSL sind eine Folge der Jahrhunderte dauernden landwirtschaftlichen Nutzung, etwa die für Menschen oft als schön empfundenen naturnahen Kulturlandschaften.
Die Entwicklungen der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten, darunter neue Agrartechnologien, Betriebsmittel und landschaftliche Strukturen, veränderten das Portfolio an ÖSL. Der Fokus und die Möglichkeiten für bereitstellende ÖSL führten in manchen Regionen und Produktionssystemen zu einer Verringerung anderer Leistungen sowie einem Rückgang der Biodiversität. In der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP) und in der nationalen Umsetzung, aktuell im Rahmen des GAP-Strategieplans, wurde die Erhaltung von Biodiversität und bestimmten ÖSL zu einem zentralen Ziel, das mit unterschiedlichen Instrumenten verfolgt werden kann, darunter gesetzliche Vorschriften oder Prämien im Rahmen von Agrarumweltprogrammen.
Die Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen (BAB) arbeitet im Rahmen ihrer Forschungsaktivitäten an diesem zentralen Themenbereich. Im Projekt GreeNet (siehe Info-Box) werden beispielsweise innovative agrarpolitische Instrumente entwickelt und im Rahmen der Evaluierungstätigkeiten bestehende Instrumente wie das ÖPUL analysiert. Mit der Organisation eines Workshops gemeinsam mit Partner:innen des Umweltbundesamtes, der HBLFA Raumberg-Gumpenstein und der BOKU University wurde der Stand des Wissens zur Quantifizierung und Monetarisierung von Ökosystemleistungen in der Land- & Forstwirtschaft erhoben (siehe Info-Box) und damit ein Umsetzungsschritt der Vision 2028+ erreicht.
Autor: Martin Schönhart, Mag.Dipl.-Ing. Dr.
Info-Box
In der Vision 2028+ setzten agrarpolitische Akteure das Ziel: „Ökosystemleistungen sind monetär honoriert und die Diversität nachhaltiger Betriebe durch abgestimmte Förder- und Qualitätsprogramme gesichert“ (https://www.landwirtschaft.at/prozessvision2028/).
Im Workshop „Quantifizierung und Monetarisierung von Ökosystemleistungen in der Land- & Forstwirtschaft – Daten, wissenschaftliche Methoden & politische Instrumente“ wurde dieses Ziel diskutiert. Umfangreiche Informationen zu den Workshopinhalten (Videos, Protokoll, Präsentationen) finden sich auf der Internetseite der BAB: https://bab.gv.at/index.php?option=com_content&view=article&id=2541:quantifizierung-und-monetarisierung-von-oekosystemleistungen-in-der-land-forstwirtschaft-workshopergebnisse&catid=140&lang=de&Itemid=569
Das Netzwerk Zukunftsraum Land stellt in einem Video Grundsätzliches zu Ökosystemleistungen der Land- und Forstwirtschaft vor: https://youtu.be/Hp0pM9nQobU
Das internationale Projekt GreeNet wird von der BAB geleitet. Es erforscht die Chancen zur Erhaltung von ÖSL und Biodiversität durch eine verstärkte Kooperation von Landwirt:innen (https://greenet.boku.ac.at/)
Umfassende Informationen zu Ökosystemleistungen finden sich in den Angeboten des Umweltbundesamtes (https://www.umweltbundesamt.at/umweltthemen/landnutzung/oekosystemleistungen) und der HBLFA Raumberg-Gumpenstein (https://raumberg-gumpenstein.at/tags/tag/oekosystemleistung/seeds.html)
Wichtige internationale wissenschaftliche Quellen zu ÖSL beziehungsweise dem verwandten Konzept der „Nature’s Contributions to People“ (NCP) sind die Publikationen des „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES) (https://www.ipbes.net). Eine umfassende Klassifikation der ÖSL bietet die CICES Datenbank (https://cices.eu/).
