Gesamtgesellschaftliche Aspekte von Gleichstellung und Diversität: In welcher Welt wollen wir leben?
Ein Beitrag von Sabine Grenz und Elif Gül (Universität Wien)
Das fünfte der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele ist Geschlechtergerechtigkeit. Dadurch wird betont, wie wichtig es ist, dass Frauen gleichberechtigt an der Entwicklung zu einer nachhaltigen globalen Gesellschaft beteiligt sind, also ebenso Führungspositionen dabei einnehmen wie Männer. Wesentlich dafür ist die Einsicht, dass es unterschiedlicher Perspektiven bedarf. Aus diesem Grund wird „Geschlecht” nicht mehr als isolierte Kategorie aufgefasst, sondern all seine, die mit anderen sozialen Kategorien in Wechselwirkung stehen. Diese anderen sozialen Kategorien sind beispielsweise Ethnie, Hautfarbe, sozioökonomischer Status, Staatsbürgerschaft, sexuelle und geschlechtliche Orientierung beziehungsweise. Identität und Gesundheit.
Dass Geschlechtergerechtigkeit sich lohnt, darauf weisen ganz unterschiedliche Studien zu Zufriedenheit, Gesundheit, Demokratie, Innovation und Wirtschaft hin:
Zufriedenheit: Grafland und Schilpzand (2025) haben Daten aus 81 Staaten zwischen 1990 und 2020 untersucht. Daraus wird ersichtlich, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit einer Gesellschaft mit der Gleichstellung steigt: So ist beispielsweise die individuelle Autonomie höher, das heißt, alle können selbstständiger ihren Aufgaben nachgehen. Das geht mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen und einem erhöhten allgemeinen Vertrauen einher. Das bedeutet, dass nicht nur Frauen von Geschlechtergerechtigkeit profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft, also auch alle Männer (Audette et al. 2019).
Gesundheit: Die Weltgesundheitsbehörde hat beobachtet, dass strikte Geschlechterrollen die Suizidrate bei Männern erheblich steigern (WHO 2018). Dementsprechend ist auch die Lebenserwartung in Ländern mit höherer Gleichstellung höher und die Gesamtmortalität niedriger (Kolip et al. 2019; Mateos et al. 2019). In diesem Zusammenhang hat sich auch gezeigt, dass mehr Frauen als Operateur:innen in der Medizin die Lebenserwartung steigert und zu weniger Komplikationen für Patient:innen führt (Wallis CJD. et al. 2023).
Demokratie: Zudem steigert sich die politische Stabilität und verringert sich die Korruption (Bauhr 2019). Es hat sich gezeigt, dass sich das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik steigert, wenn mehr Frauen in der Regierung sind (Esarey & Schwindt-Bayer 2018).
Innovation: Es hat sich gezeigt, dass mehr Diversität in Teams zu besseren Ergebnissen in Wissenschaft und Forschung und ebenso zu einer vermehrten Produktinnovation führt, unter anderem da diverse Teams und Organisationen sich als fähiger bei Problemlösungen erweisen (Xie, L. et al. 2020; Nielsen MW et al. 2017; Kong et al. 2024).
Wirtschaft: Mehr Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsmarkt führt laut Berechnungen des European Institute for Gender Equality zur Erhöhung des BIP um 3,2%-5,5% bis 2050 (EiGE 2017).
Aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass die Gesellschaft insgesamt profitiert, wenn die Geschlechtergerechtigkeit gestärkt wird. Man spricht hier vom „Curb cut effect”. Dieser beschreibt den Effekt, der sich durch Gehsteig Rampen beziehungsweise die Absenkung von Bordsteinkanten einstellt: Diese wurden zwar in erster Linie für Menschen im Rollstuhl eingeführt, sie können jetzt aber von allen genutzt werden und erleichtern das Fahrradfahren nun ebenso wie das Schieben von Kinderwagen, Einkaufswagen oder Koffern.
Assoz.-Prof. Dr. Sabine Grenz ist seit 2017 Professorin für Gender Studies an der Universität Wien. Von 2017 bis 2020 war sie Univ.-Prof. für Gender Studies an den Fakultäten für Philosophie und Bildungswissenschaft sowie für Sozialwissenschaften und die Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät. Seit 2020 ist sie Tenure-Track-Prof. an den beiden Fakultäten für Philosophie und Bildungswissenschaft sowie für Sozialwissenschaften.
Elif Gül, BA, MSc. hat seit September 2021 die prädoc-Stelle in Gender Studies des Instituts für Bildungswissenschaften bei Prof. Sabine Grenz inne.
Literaturverzeichnis
Audette, A. P., Lam, S., O’Connor, H., & Robinson, J. A. (2019). (E)Quality of life: A cross-national analysis of the effect of gender equality on life satisfaction. Journal of Happiness Studies, 20, 2173–2188. https://doi.org/10.1007/s10902-018-0042-8
Bauhr, M., Charron, N., & Wängnerud, L. (2019). Exclusion or interests? Why females in elected office reduce petty and grand corruption. European Journal of Political Research, 58(4), 1043–1065. https://doi.org/10.1111/1475-6765.12300
European Institute for Gender Equality. (2017). Economic benefits of gender equality in the European Union: Literature review – Existing evidence and methodological approaches. Publications Office of the European Union. https://data.europa.eu/doi/10.2839/736676
Esarey, J., & Schwindt-Bayer, L. A. (2018). Women’s representation, accountability, and corruption in democracies. British Journal of Political Science, 48(3), 659–690. https://doi.org/10.1017/S0007123416000478
Graafland, J., & Schilpzand, A. (2025). Gender equality and life satisfaction: A mediation model with individual autonomy, income per capita and trust. Journal of Happiness Studies, 26, Article 23. https://doi.org/10.1007/s10902-024-00850-8
Kolip, P., Lange, C. & Finne, E. Gleichstellung der Geschlechter und Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 62, 943–951 (2019). https://doi.org/10.1007/s00103-019-02974-2
Kong, L., Usman, M., Yue, W., & Sun, J. (2024). Leadher: Role of women leadership in shaping corporate innovation. Humanities and Social Sciences Communications, 11, Article 1313. https://doi.org/10.1057/s41599-024-03852-2
Mateos, J. T. , Fernández-Sáez, J. , Marcos-Marcos, J. , Álvarez-Dardet, C. , Bambra, C. , Popay, J. , Baral, K. , Musolino, C. and Baum, F. (2022). Gender Equality and the Global Gender Gap in Life Expectancy: An Exploratory Analysis of 152 Countries. International Journal of Health Policy and Management, 11(6), 740-746. doi: 10.34172/ijhpm.2020.192
Nielsen, M. W., Alegria, S., Börjeson, L., Etzkowitz, H., Falk-Krzesinski, H. J., Joshi, A., Leahey, E., Smith-Doerr, L., Woolley, A. W., & Schiebinger, L. (2017). Opinion: Gender diversity leads to better science. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(8), 1740–1742. https://doi.org/10.1073/pnas.1700616114
Wallis, C. J. D., Jerath, A., Aminoltejari, K., Coburn, N., Klaassen, Z., Luckenbaugh, A. N., & Satkunasivam, R. (2023). Surgeon sex and long-term postoperative outcomes among patients undergoing common surgeries. JAMA Surgery, 158(11), 1185–1194. https://doi.org/10.1001/jamasurg.2023.3744
World Health Organization Regional Office for Europe. (2018). Strategy on the health and well-being of men in the WHO European Region. World Health Organization Regional Office for Europe. Online: https://www.who.int/europe/publications/i/item/WHO-EURO-2018-4209-43968-61973
Xie, L., Zhou, J., Zong, Q., & Lu, Q. (2020). Gender diversity in R&D teams and innovation efficiency: Role of the innovation context. Research Policy, 49(1), 103885. https://doi.org/10.1016/j.respol.2019.103885
