Nachlese: „Lebensraum Weide: Vielfalt durch Hutweiden und beweidete Agroforstsysteme“
Das Webinar „Lebensraum Weide: Vielfalt durch Hutweiden und beweidete Agroforstsysteme“ vom 30. April 2026 widmete sich umfassend den ökologischen, landwirtschaftlichen und politischen Aspekten naturschutzorientierter Beweidung. Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Wissenschaft und Praxis beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven und machten deutlich, dass extensive Weidesysteme eine zentrale Rolle für den Erhalt der Artenvielfalt, Landschaftspflege und nachhaltige Landnutzung spielen.
Zu Beginn stellte Jörn Buse vom Nationalpark Schwarzwald die grundlegenden Prinzipien naturnaher Beweidung vor. Große Pflanzenfresser formen durch Fraß, Tritt und Dung die Landschaft und schaffen vielfältige Mikrohabitate. Besonders wichtig sind dabei große, zusammenhängende Flächen, eine geringe Besatzdichte sowie eine ganzjährige Beweidung ohne Zufütterung und ohne Einsatz von Entwurmungsmitteln, um natürliche Stoffkreisläufe zu erhalten. Buse betonte, dass unterschiedliche Tierarten und Rassen spezifische Effekte auf die Vegetation haben. Beweidung führt im Vergleich zu Mahd oder Brache meist zu artenreicheren Flächen, wobei insbesondere Winterbeweidung positive Effekte auf Kräuter haben kann. Auch die Bedeutung von Dung als Lebensraum für zahlreiche Insektenarten wurde hervorgehoben, wobei viele dieser Arten inzwischen stark gefährdet sind. Entscheidend für ihren Erhalt ist eine langfristige Beweidung der gleichen Fläche sowie ausreichend große, vernetzte Flächen.
Thomas Neudorfer, BMLUK, erläuterte anschließend die agrarpolitischen Rahmenbedingungen, insbesondere im Kontext der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Er ging auf Förderlogiken wie das Pro-rata-System ein, das nur tatsächlich futterfähige Flächen berücksichtigt und strukturelle Elemente wie Gehölze oder Steine ausschließt. Dies steht teilweise im Spannungsfeld mit Biodiversitätszielen, da gerade strukturreiche Flächen ökologisch wertvoll sind. In Österreich spielen Almweiden eine zentrale Rolle, während sich gleichzeitig durch Klimawandel und wirtschaftlichen Druck Nutzungsänderungen ergeben. Förderprogramme wie das Österreichische Agrarumweltprogramm ÖPUL unterstützen extensive Beweidung, doch bleiben wirtschaftliche Herausforderungen und bürokratische Hürden bestehen.
Im Beitrag von Walter Starz von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein standen praktische Weidestrategien im Fokus. Er betonte, dass vor allem der Fraß – nicht der Tritt – die Vegetation prägt. Grünland sei auf Nutzung angewiesen, da es sonst verbusche. Unterschiedliche Tierarten können gezielt zur Steuerung der Vegetation eingesetzt werden, etwa um Strauchaufwuchs zu reduzieren. Ein zentrales Element ist die gelenkte Weideführung, beispielsweise durch Koppelsysteme, die eine gleichmäßige Nutzung von Flächen und ausreichende Ruhephasen für Pflanzen ermöglichen. Auch die Bedeutung eines angepassten Weidezeitpunkts wurde hervorgehoben.
Wolfgang Angeringer von der Landwirtschaftskammer Steiermark präsentierte Ergebnisse aus dem Projekt „Weideinnovationen“. Anhand von Praxisbeispielen zeigte er, wie Beweidung auch auf schwierigen Standorten wie Steilflächen erfolgreich umgesetzt werden kann. Durch geeignete Koppelgrößen und angepasste Beweidung lassen sich Erosion vermeiden und stabile Grasnarben entwickeln. Wichtig ist dabei auch, natürliche Prozesse zuzulassen, etwa die Zersetzung von Dung durch Insekten, anstatt Flächen mechanisch nachzubehandeln.
Ein konkretes Praxisbeispiel lieferten Andreas und Carmen Petutschnig, die auf ihrem Betrieb in Kärnten Ziegenhaltung betreiben. Sie zeigten, wie Beweidung zur Pflege von Naturschutzflächen beitragen kann, indem unerwünschte Pflanzen zurückgedrängt und strukturreiche Landschaften erhalten werden. Die Kombination verschiedener Tierarten sowie eine gezielte Weideführung ermöglichen eine effiziente Nutzung landwirtschaftlicher Flächen. In Kombination mit Direktvermarktung und Bewirtschaftung mit landwirtschaftlichen Partnerbetrieb konnten sie so einen rentablen Betrieb aufbauen.
Das Thema Agroforstsysteme wurde von Theresia Markut vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) vorgestellt. Solche Systeme bieten zahlreiche ökologische Vorteile, darunter erhöhte Biodiversität, verbessertes Mikroklima, Erosionsschutz und Kohlenstoffbindung. Traditionelle Formen wie Streuobstwiesen oder Waldweiden wurden ebenso diskutiert wie moderne Ansätze, etwa Reihenpflanzungen (Alley Cropping). Agroforstsysteme können zudem zusätzliche Futterquellen erschließen, etwa durch Laubnutzung.
Ein weiteres Praxisbeispiel brachte Claudia Sperl, die ihren Betrieb in der Steiermark vorstellte. Sie kombiniert Milchviehhaltung mit Agroforst-Elementen wie Streuobstwiesen und Waldweiden. Diese lange erprobten Systeme tragen nicht nur zum Erhalt der Artenvielfalt bei, sondern verbessern auch Tierwohl und Klimaresilienz, etwa durch Schutz der Tiere vor intensiver Sonneneinstrahlung oder sichereren Wasserzugang. Gleichzeitig machte sie auf bestehende Probleme aufmerksam, insbesondere die mangelnde Förderfähigkeit von Waldweiden trotz ihres ökologischen Wertes.
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass extensive Weidehaltung sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt. Neben ökologischen Vorteilen stehen wirtschaftliche Zwänge, rechtliche Einschränkungen und gesellschaftliche Erwartungen. Themen wie Wolfsschutz, Arbeitsaufwand, Förderpolitik und Vermarktung wurden intensiv diskutiert. Einigkeit bestand darin, dass funktionierende Weidesysteme erhalten und weiterentwickelt werden müssen, anstatt sie durch neue Strukturen zu ersetzen – und neue Systeme dort zu entwickeln, wo sich Rahmenbedingungen geändert haben. Zudem wurde betont, dass eine stärkere gesellschaftliche Wertschätzung sowie innovative Geschäftsmodelle notwendig sind, um Weidewirtschaft langfristig tragfähig zu machen. Ob Fördermodelle stärker regional differenziert und besser auf naturschutzfachliche Ziele abgestimmt werden können, wurde ebenso thematisiert.
