Nutztierlehrpfad
Das Projekt wurde vor dem Hintergrund ins Leben gerufen, dass infolge des Rückgangs landwirtschaftlicher Betriebe und Beschäftigter immer weniger Schülerinnen und Schüler Einblicke in die heimische Landwirtschaft erhalten. Gleichzeitig wird insbesondere die Nutztierhaltung gesellschaftlich kontrovers diskutiert, obwohl tierische Produkte weiterhin einen hohen Stellenwert im Konsum haben.
Ziel des Projekts war daher die Entwicklung des Schulworkshops „Mission Bauernhof – tierisch wichtig“ inklusive begleitender Materialien, um Schülerinnen und Schülern der 5.–8. Schulstufe einen neutralen, faktenbasierten Zugang zur österreichischen Nutztierhaltung zu ermöglichen und ihre Kompetenz für bewusste Konsumentscheidungen zu stärken.
Für die Umsetzung werden didaktische Lehrmittel wie Themenposter, Legespiele, Bildkarten und eine Methodenmappe erarbeitet sowie ein modularer Workshop konzipiert, der von Seminarbäuerinnen in den Schulen durchgeführt werden kann. Ergänzend wird eine Webseite erstellt, die über QR-Codes mit den Lehrmaterialien verknüpft ist und weiterführende Informationen bereitstellt. Dadurch können die Inhalte des Lehrpfads ständig angepasst und aktualisiert werden.
Inhaltlich deckt der Lehrpfad zentrale Themen wie Bedeutung der Nutztierhaltung, Kreislaufwirtschaft, Tierwohl sowie spezifische Produktionssysteme der Tierarten, Rind, Schwein, Huhn, Schaf und Ziege ab.
Eine wichtige Komponente des Lehrpfads ist die enge Zusammenarbeit mit Seminarbäuerinnen und Fachexpertinnen und Fachexperten aus den jeweiligen Tiersparten. Als Ergebnis entsteht ein praxisnahes, flexibel einsetzbares Bildungsangebot, das analoge und digitale Lernformate kombiniert und bestehende Ressourcen sinnvoll integriert. Der Lehrpfad ermöglicht Schülerinnen und Schülern einen realitätsnahen Einblick in die Nutztierhaltung und fördert das Verständnis für Zusammenhänge zwischen Tierwohl, Produktionssystemen und Produktpreisen. Dadurch wird ein Beitrag zur Stärkung der Wertschätzung für die heimische Land- und Forstwirtschaft geleistet. Aus der bisherigen Umsetzung zeigt sich, dass die Verbindung von anschaulichen Materialien, interaktiven Methoden und digitalen Ergänzungen bei den Seminarbäuerinnen auf große Zustimmung stößt. Zudem erweist sich die Zusammenarbeit mit den Praktikerinnen als besonders wertvoll, da sie praktische Erfahrungen und Ideen einbringen und so den Bezug zur beruflichen Realität deutlich stärken.
Was macht dieses Projekt besonders nachahmenswert?
•Die enge Zusammenarbeit zwischen den Praktikerinnen und den Fachexpertinnen und Fachexperten ist ein Aushängeschild des Projekts. Die Seminarbäuerinnen waren von Beginn an in die Entwicklung des Lehrpfads eingebunden und konnten ihre wertvollen Erfahrungen und Ideen einbringen.
•Die hohe Flexibilität und Individualisierbarkeit des Lehrpfads stellt einen großen Mehrwert dar. Inhalte können je nach Interesse der Klasse oder der Seminarbäuerinnen angepasst und zum Beispiel eine Tierart spezifisch herausgearbeitet werden.
•Die starke Praxisorientierung sorgt für eine besonders nachhaltige Wirkung: Durch reale Einblicke, anschauliche Materialien und die direkte Verbindung zur landwirtschaftlichen Praxis wird ein authentisches und lebensnahes Lernen ermöglicht.
Darum war es wichtig, das Projekt umzusetzen
Die Ausgangslage des Projekts ist durch einen deutlichen Strukturwandel in der Landwirtschaft geprägt: In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe sowie der in der Landwirtschaft tätigen Personen stark zurückgegangen. Aktuell sind nur mehr rund 3,1 % der Erwerbstätigen in diesem Sektor beschäftigt (Statistica, 2024).
Dadurch nimmt auch der direkte Bezug vieler Schülerinnen und Schüler zur heimischen Landwirtschaft zunehmend ab, was zu Wissenslücken über Produktionsweisen und Zusammenhänge führt. Gleichzeitig ist insbesondere die Nutztierhaltung in der öffentlichen Diskussion häufig von kontroversen Meinungen geprägt. Dem gegenüber steht jedoch ein weiterhin hoher Konsum tierischer Produkte: In Österreich werden pro Kopf jährlich rund 87,7 kg Fleisch, 15,5 kg Eier und 115 kg Milchprodukte konsumiert (Versorgungsbilanz 2024, Statistik Austria). Diese Diskrepanz zwischen geringem Wissen über landwirtschaftliche Praxis und gleichzeitig hohem Konsum sowie gesellschaftlichen Diskussionen macht es notwendig, fundierte, sachliche Bildungsangebote zu schaffen. Das Projekt setzt genau hier an, indem es Schülerinnen und Schülern einen faktenbasierten und praxisnahen Einblick in die Nutztierhaltung ermöglicht und so zu einem besseren Verständnis sowie zu reflektierten Konsumentscheidungen beiträgt.
Ziele des Projekts
Der Nutztierlehrpfad bietet einen speziell für Schülerinnen und Schülern (Sekundarstufe I) aufbereiteten, neutralen Einblick in die Nutztierhaltung. Dadurch sollen Schülerinnen und Schüler den Konsum tierischer Lebensmittel eigenständig reflektieren und zukünftig in der Lage sein eine selbstständige Kaufentscheidung zu treffen beziehungsweise die Kaufentscheidungen der Erwachsenen zu hinterfragen.
Maßnahmen um die Projektziele zu erreichen
Der Nutztierlehrpfad ist so konzipiert, dass Seminarbäuerinnen Klassen der 5. bis 8. Schulstufe direkt im Unterricht besuchen und den Schülerinnen und Schülern die österreichische Nutztierhaltung praxisnah vermitteln. Ein zentrales Anliegen bei der Gestaltung ist ein didaktischer Aufbau vom Allgemeinen zum Spezifischen. Dadurch wird den Seminarbäuerinnen ein hohes Maß an Flexibilität in der Unterrichtsgestaltung ermöglicht und gleichzeitig Raum für ihre individuellen Schwerpunkte und persönlichen Zugänge zur Nutztierhaltung geschaffen.
Im allgemeinen Teil werden grundlegende Themen wie die Bedeutung der Nutztierhaltung, Kreislaufwirtschaft, Nahrungskonkurrenz und Tierwohl behandelt. Diese Inhalte werden abwechslungsreich aufbereitet, etwa durch Legespiele, Bildkärtchen und praxisnahe Fotografien. Zudem stehen die Lehrmaterialien in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen zur Verfügung, um eine altersgerechte Vermittlung zu gewährleisten.
Im spezifischen Teil haben die Seminarbäuerinnen die Möglichkeit, sich auf eine Tierart – Schwein, Rind, Geflügel, Schaf oder Ziege – zu konzentrieren. Anhand eines Themenposters wird der jeweilige Produktionsablauf veranschaulicht und Schritt für Schritt erklärt. Dabei stehen Haltungssysteme, Tierwohl, Kreislaufwirtschaft sowie die gewonnenen Produkte im Fokus. Auch das sensible Thema Schlachtung wird altersgerecht aufgegriffen. Die Schülerinnen und Schüler werden durch die Seminarbäuerinnen durch die Inhalte geführt, haben jedoch zusätzlich die Möglichkeit, sich an verschiedenen Stationen eigenständig mit den Themen auseinanderzusetzen. Im Sinne des Lehrpfad-Konzepts „Mission Bauernhof“ erhalten sie zu Beginn des spezifischen Teils einen Detektivpass mit einem Rätsel, das sie mithilfe der Stationen lösen können. Dieses spielerische Element soll die intrinsische Motivation fördern und die aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten unterstützen.
Ergebnisse und Wirkungen quantitativ
Der Nutztierlehrpfad wird im Angebot der Seminarbäuerinnen zu finden sein und somit jährlich zwischen 1.400-2.000 Schülerinnen und Schüler über die Seminarbäuerinnen erreichen.
Ergebnisse und Wirkungen qualitativ
Durch die gemeinsamen Unterrichtseinheiten mit den Seminarbäuerinnen beziehungsweise „Schule am Bauernhof Betrieben“ entsteht Verständnis für die Arbeit und den Wert der österreichischen Landwirtschaft. Die komplexen Hintergründe werden für die Schülerinnen und Schüler anschaulich von einer Praktikerin oder einem Praktiker erklärt und dargestellt, wodurch sich eine Wertschätzung für die landwirtschaftlichen Tätigkeiten entwickelt sowie Zusammenhänge aus der Landwirtschaft für das persönliche Leben widerspiegeln. Die Schülerinnen und Schüler achten auf die Herkunft der Lebensmittel und verfügen über Grundkenntnisse über die tierische Produktion. Ziel des Lehrpfades ist es, die Schülerinnen und Schüler zu kritischen Konsumentinnen und Konsumenten zu machen, die sich beim Kauf über Herkunft und Haltungssysteme Gedanken machen und auch einen Bezug zum Tierwohl herstellen können.
Mehrwert durch Vernetzung
Das Projekt wird in enger Kooperation mit den Seminarbäuerinnen erstellt. Die Seminarbäuerinnen sind in den Arbeitsgruppen vertreten, um ihre praktische Erfahrung einfließen zu lassen und auch Wünsche und Anregung für die Aufbereitung des Lehrpfad „Mission Bauernhof – tierisch wichtig“ äußern zu können. Außerdem gestalten die Geflügelwirtschaft Österreich, die Rinderzucht Österreich, der Bundesverband für Schafe und Ziegen, ARGE Rind sowie die Schweinehaltung Österreich mit ihrer Fachexpertise innerhalb der Arbeitsgruppen das Projekt mit.
Innovation
Das Projekt hat insbesondere im Bereich der sozialen Innovation neue Ansätze hervorgebracht. Im Mittelpunkt steht der gezielte Vertrauensaufbau zwischen Produzentinnen und Produzenten und Konsumentinnen und Konsumenten, der durch direkte Einblicke in die landwirtschaftliche Praxis ermöglicht wurde. Schülerinnen und Schüler erhalten in den Klassen durch realistische Fotos und praktizierende Landwirtinnen authentische Eindrücke in die Tierhaltung, wodurch bestehende Vorurteile abgebaut und ein realitätsnahes Verständnis gefördert werden konnten. Darauf aufbauend wurde ein neuer Zugang zur Konsumbildung geschaffen: Zukünftige Konsumentinnen und Konsumenten werden frühzeitig befähigt, informierte Entscheidungen zu treffen, etwa im Hinblick auf Herkunft, Produktionsbedingungen und Tierwohl. Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und Bildungseinrichtungen intensiviert.
Einbeziehung von jungen Menschen
Bei der Ausarbeitung des Projekts waren überwiegend junge Menschen unter 40 Jahren beteiligt. Sowohl das Projektteam als auch die eingebundenen Seminarbäuerinnen und Fachexpert:innen gehören dieser Altersgruppe an. Dadurch konnten aktuelle Perspektiven, zeitgemäße Vermittlungsansätze und ein guter Bezug zur Lebenswelt junger Zielgruppen in die Konzeption einfließen. Das Angebot richtet sich an Pädagog:innen, die Schüler:innen im Alter von 10 bis 14 Jahren unterrichten, und wird über die Website der Seminarbäuerinnen buchbar sein. Junge Menschen profitieren von dem Projekt insbesondere durch eine altersgerechte, interaktive und praxisnahe Wissensvermittlung. Sie erhalten Einblicke in die österreichische Nutztierhaltung, setzen sich kritisch mit Themen wie Tierwohl, Kreislaufwirtschaft und Lebensmittelproduktion auseinander und werden durch aktivierende Methoden zur eigenständigen Beschäftigung mit den Inhalten angeregt.
Einbeziehung von Frauen
An der Ausarbeitung des Projekts waren vorrangig Frauen beteiligt. Das Projektteam besteht ausschließlich aus Frauen, ebenso wie die einbezogenen Seminarbäuerinnen, deren Erfahrungen und Perspektiven maßgeblich in die Konzeption eingeflossen sind. Lediglich im Bereich der Fachexpertise waren vereinzelt auch Männer eingebunden. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Perspektive von Frauen umfassend berücksichtigt wurde und das Projekt inhaltlich wesentlich prägt. Die beteiligten Frauen profitierten insbesondere durch die aktive Mitgestaltung des Projekts, die Möglichkeit, ihre fachliche Expertise einzubringen, sowie durch die Stärkung ihrer Sichtbarkeit als Wissensvermittlerinnen im Bereich der Landwirtschaft und Bildung. Darüber hinaus wirkt sich das Projekt positiv auf die Geschlechtergleichstellung aus, da es weibliche Rollenbilder in der Landwirtschaft stärkt und diese für junge Menschen sichtbar macht. Die Seminarbäuerinnen treten als Expertinnen auf und vermitteln ihre Inhalte selbstbewusst im schulischen Kontext, wodurch traditionelle Rollenbilder aufgebrochen und neue Perspektiven aufgezeigt werden.
Einbeziehung von Minderheiten (Inklusion)
Bei der Planung der Bildungsangebote wurde darauf geachtet, Aspekte der Barrierefreiheit und Inklusion zu berücksichtigen. Bereits bei der Auswahl der Veranstaltungsorte wird sichergestellt, dass diese barrierefrei zugänglich sind und von allen Menschen uneingeschränkt genutzt werden können. Auch die didaktischen Materialien werden entsprechend gestaltet: Unterlagen und Dokumente werden mit angepasster Schriftart, Schriftgröße, Schriftfarbe und geeigneter Papierart erstellt. Darüber hinaus wird bei der Verwendung von Bildmaterialien, Tabellen und Grafiken konsequent auf Barrierefreiheit geachtet, um eine möglichst zugängliche Wissensvermittlung für alle Teilnehmenden zu gewährleisten. Das Angebot richtet sich an alle Pädagoginnen und Pädagogen, die Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 14 Jahren unterrichten, und wird über die Webseiten der Seminarbäuerinnen buchbar sein. Es ist bewusst inklusiv konzipiert und ermöglicht allen Schülerinnen und Schülern – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder individuellen Voraussetzungen – einen gleichberechtigten Zugang zu den Inhalten. Durch diese Maßnahmen trägt das Projekt aktiv zur Inklusion bei. Angehörige von Minderheiten profitieren insbesondere von einem barrierearmen Zugang zu Bildungsangeboten sowie von einer Lernumgebung, die Vielfalt berücksichtigt und Teilhabe fördert. Ziel ist es, allen jungen Menschen einen spannenden, verständlichen und gleichberechtigten Einblick in die österreichische Nutztierhaltung zu ermöglichen.
Übertragbarkeit
Das Projekt ist grundsätzlich gut auf andere Regionen und Organisationen übertragbar, da es kein singuläres Einzelmodell darstellt, sondern Teil eines breiteren Trends ist, Landwirtschaft erlebbar und verständlich zu machen. Die zugrunde liegende Idee – durch direkte Begegnung und anschauliche Vermittlung Wissen über landwirtschaftliche Produktion aufzubauen – lässt sich flexibel an unterschiedliche regionale Gegebenheiten und Zielgruppen anpassen. In Österreich knüpft das Projekt an bereits bestehende Formate an, insbesondere an die von Seminarbäuerinnen entwickelten Lehrpfade (wie zum Beipsiel Milch- oder Schweinelehrpfad). Auch der Lehrpfad „Mein Bauernhof in Österreich“, der bisher vor allem für Volksschülerinnen und Volksschüler konzipiert ist, dient als inhaltliche Grundlage und wird im Rahmen des Projekts gezielt auf die Altersgruppe der Mittelschülerinnen und Mitschüler ausgeweitet. In Zukunft wird der Nutztierlehrpfad allen Seminarbäuerinnen zum Einsatz in den Klassen zur Verfügung stehen. Es handelt es sich weniger um eine völlig neue Entwicklung als vielmehr um eine Weiterentwicklung und Anpassung bestehender Angebote. Auch im deutschsprachigen Raum zeigt sich, dass ähnliche Ansätze bereits verbreitet sind: Agrarlehrpfade, Tierlehrpfade sowie Natur- und Bauernhofpfade sind in vielen Regionen etabliert. Das Projekt greift diese bestehenden Konzepte auf, entwickelt sie weiter und überträgt sie auf neue Zielgruppen und pädagogische Kontexte. Dadurch ist eine Skalierung und Nachahmung in anderen Regionen sowohl möglich als auch naheliegend.
