Internationales Jahr der Bäuerin 2026 – Frauen gestalten die Zukunft des ländlichen Raumes
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Bäuerin und Landwirtin erklärt. Damit rücken Frauen in der Land- und Forstwirtschaft und ihre Bedeutung für Ernährungssicherheit, regionale Wertschöpfung und lebenswerte ländliche Räume weltweit stärker in den Fokus. Gleichzeitig bietet das Themenjahr Anlass, über Gleichstellung, Zukunftsperspektiven und die Weiterentwicklung der Landwirtschaft zu sprechen. Wir haben dazu mit Michaela Glatzl, Referentin der Bäuerinnen Österreich in der Landwirtschaftskammer Österreich, über die Bedeutung des Internationalen Jahres der Bäuerin, die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft und notwendige Zukunftsperspektiven gesprochen und mit Karmen Mentil, Netzwerk Zukunftsraum Land, einen Blick auf die konkrete Umsetzung von Geschlechtergleichstellung im Rahmen des GAP-Strategieplans geworfen.
Im Netzwerk Zukunftsraum Land begleitet die Arbeitsgruppe Geschlechtergleichstellung des Begleitausschusses des GAP-Strategieplans Maßnahmen, die Gleichstellung langfristig in der ländlichen Entwicklung verankern sollen. Frau Mentil, die Arbeitsgruppe arbeitet unter anderem zu den Themen landwirtschaftlicher Betriebsberatung, LEADER, Weiterbildung von EntscheidungsträgerInnen sowie der Verbesserung der Sichtbarkeit von Expertinnen im Agrarbereich. Wo sehen Sie derzeit den größten Hebel, um Gleichstellung in der Praxis nachhaltig voranzubringen?
Um Gleichstellung tatsächlich voranzubringen, liegt unseres Erkenntnisstandes nach der größte Hebel bei der Bewusstseinsbildung. Und zwar bei jenen Menschen, die strategische Verantwortung tragen, politische und administrative Prozesse gestalten – und damit maßgeblich wichtige Gestaltungsspielräume haben. Die Veränderung von Rahmenbedingungen schon in der Programmplanung kann insbesondere von Programmverantwortlichen und Abteilungsleitenden der Landes- und Bundesverwaltung sowie Landwirtschaftskammern gesteuert werden. Sie haben als Entscheidungstragende großen Einfluss auf die GAP-Strategieplanung und können die Geschlechtergerechtigkeit in diesem Rahmen als einen strategischen Handlungsschwerpunkt mit klaren Vorgaben zur Umsetzung definieren. Damit werden die Leitplanken für alle Hierarchieebenen gesetzt, das Thema Geschlechtergleichstellung in der ländlichen Entwicklung immer mitzudenken – und in Zukunft stärker in eine wirkungsvolle Umsetzung zu bringen.
Bewusstsein zu schaffen ist demnach das eine – konkrete Veränderungen anzustoßen das andere. Frau Glatzl, die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Bäuerin erklärt. Warum ist dieses Signal gerade jetzt wichtig?
Das Internationale Jahr der Bäuerin kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Bäuerinnen sichern nicht nur unsere Versorgung mit Lebensmitteln. Sie führen Betriebe, entwickeln neue Ideen und Einkommensmöglichkeiten und übernehmen Verantwortung in ihren Familien, Gemeinden und Regionen. Damit gestalten sie die Zukunft des ländlichen Raums entscheidend mit.
Als Bäuerinnenorganisation vertreten wir die Interessen der Frauen in der Land- und Forstwirtschaft. Das Internationale Jahr schafft internationale Aufmerksamkeit für ihre Leistungen, macht aber gleichzeitig bestehende Herausforderungen sichtbar – in Österreich und weltweit. Es gibt uns Rückenwind, Themen wie soziale, finanzielle und rechtliche Absicherung, faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Chancengleichheit und Mitbestimmung noch stärker voranzubringen.
Welche Vorstellung von einer „modernen Bäuerin“ ist heute längst Realität – und welches Bild hält sich in der öffentlichen Wahrnehmung trotzdem noch hartnäckig?
Die moderne Bäuerin ist längst Realität: Sie führt Betriebe, trifft Investitionsentscheidungen, entwickelt neue Geschäftsfelder, verantwortet Buchhaltung und Personal und schafft zusätzliche Wertschöpfung am Hof und in der Region. Moderne Landtechnik, Digitalisierung, KI und neue Technologien gehören dabei ebenso selbstverständlich zu ihrem Arbeitsalltag – Technikkompetenz ist längst Teil des modernen Berufsbildes. Hinter vielen Erfolgsgeschichten in der Direktvermarktung, bei Urlaub am Bauernhof, Green Care oder agrarpädagogischen Angeboten stehen Frauen.
Gerade als Seminarbäuerinnen oder bei „Schule am Bauernhof“ übernehmen Frauen eine wichtige Rolle im Dialog mit der Gesellschaft. Sie vermitteln Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wie Landwirtschaft funktioniert, wo unsere Lebensmittel herkommen und was moderne Landwirtschaft heute leistet.
Und trotzdem hält sich in der öffentlichen Wahrnehmung hartnäckig das Bild der „mithelfenden Bäuerin“. Ein Bild, das der Realität auf unseren Höfen schon lange nicht mehr gerecht wird. Bäuerinnen sind Unternehmerinnen, Arbeitgeberinnen, Funktionärinnen und Botschafterinnen für Landwirtschaft und regionale Lebensmittel.
Immer mehr Bäuerinnen zeigen auch in den sozialen Medien, wie moderne Landwirtschaft heute aussieht – authentisch, unmittelbar und ohne überholte Rollenbilder. Sie erzählen ihre Geschichten selbst und prägen damit auch ein neues Bild von Frauen in der Landwirtschaft.
Mich begeistert besonders, wie vielfältig Frauen Land- und Forstwirtschaft heute gestalten. Diese Vielfalt wird inzwischen auch in Kunst und Kultur sichtbar: etwa in der Ausstellung Wo Frauen wirken, wächst Zukunft, im Kunstprojekt SOLANGE von Katharina Cibulka oder in Daniela Köppls Fotoausstellung Not Fit for Marketing – Bäuerinnen jenseits der Idylle. Sie richten den Blick auf das, was noch immer zu oft übersehen wird: die wirtschaftliche, gesellschaftliche und innovative Kraft von Frauen in der Landwirtschaft.
Für mich ist genau das das Bild der modernen Bäuerin: Sie bewahrt, was wertvoll ist, entwickelt Neues und gestaltet ihren Betrieb und den ländlichen Raum aktiv mit.
Mehr als jeder dritte landwirtschaftliche Betrieb in Österreich wird von einer Frau geführt. Trotzdem wird die Rolle von Bäuerinnen häufig unterschätzt. Was müsste sich in der öffentlichen Wahrnehmung ändern – und woran würden Sie erkennen, dass das Internationale Jahr der Bäuerin nachhaltig Wirkung entfaltet hat?
Ich wünsche mir, dass Bäuerinnen ganz selbstverständlich als Unternehmerinnen, Expertinnen, Gestalterinnen und Entscheidungsträgerinnen wahrgenommen werden. Ihre Leistungen reichen weit über den einzelnen Betrieb hinaus: Sie schaffen regionale Wertschöpfung, sichern Arbeitsplätze, entwickeln neue Betriebszweige und tragen wesentlich zur Lebensqualität und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt im ländlichen Raum bei.
Für mich wäre das Internationale Jahr der Bäuerin dann nachhaltig erfolgreich, wenn aus Sichtbarkeit auch konkrete Veränderungen entstehen. Wenn mehr Frauen in agrarischen Gremien und Führungsfunktionen vertreten sind und ihre Expertise selbstverständlich in Entscheidungen einfließt. Wenn junge Frauen selbstverständlich davon ausgehen, einen Hof übernehmen, einen Betrieb führen oder eine Funktion übernehmen zu können.
Wirkung zeigt sich aber auch an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Bäuerinnen brauchen die Möglichkeit, mit ihrer Arbeit ein tragfähiges Einkommen zu erwirtschaften und ihre Ideen umzusetzen. Deshalb ist mir wichtig, dass auch in der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027 die Perspektive von Frauen systematisch mitgedacht wird – etwa durch passende Investitionsförderungen für Diversifizierung und innovative Bäuerinnenprojekte. Gleichstellung muss sich letztlich auch in Budgets, Projekten und messbaren Zielen wiederfinden.
Nachhaltige Wirkung bedeutet für mich ebenso, dass Frauen frühzeitig auf ihre eigene finanzielle und rechtliche Absicherung achten können, dass Care-Arbeit nicht zur persönlichen Absicherungsfalle wird und dass es passende Kinderbetreuungs-, Gesundheits-, Bildungs- und Beratungsangebote gibt.
Zu Beginn des Internationalen Jahres haben wir dafür einen 4-Punkte-Plan formuliert. Unser Positionspapier geht noch einen Schritt weiter. Am Ende von 2026 möchte ich deshalb nicht nur sagen können: Wir haben Bäuerinnen sichtbarer gemacht. Sondern: Wir haben etwas in Bewegung gebracht.
Das Internationale Jahr der Bäuerin schafft Aufmerksamkeit. Die Arbeit im Rahmen des GAP-Strategieplans trägt dazu bei, diese Aufmerksamkeit in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Gemeinsam zeigen beide Perspektiven: Geschlechtergleichstellung ist kein Randthema, sondern ein wichtiger gesamtgesellschaftlicher Baustein für eine innovative, resiliente und zukunftsfähige Landwirtschaft.
SCHON GEWUSST?
Am 15. Oktober 2026 widmet sich die Tagung „Frauen.Höfe.Zukunft – Gleichstellung als Gewinn für Landwirtschaft und Gesellschaft“ in Linz der aktuellen Situation von Bäuerinnen in Österreich. Ein zentraler Programmpunkt ist die Präsentation der GAP-Evaluierungsstudie „Situation der Bäuerinnen in Österreich 2026 – Analyse der aktuellen Arbeits- und Lebensverhältnisse“.
Am 16. November 2026 startet außerdem die Workshop-Reihe „Strategien wirksamer steuern – mit Gender Mainstreaming bessere Ergebnisse erzielen“. Sie richtet sich an Menschen mit strategischer Verantwortung und zeigt praxisnah, wie Gleichstellung in Strategien, Programmen und Maßnahmen wirksam verankert werden kann.
Interview: Netzwerk Zukunftsraum Land / Stephanie Topf
