EIP-AGRI: Neue Strategien zur Reduzierung der Spätfröste im Obst- und Weinbau

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Innovation

16.11.2021

Der Klimawandel führt zunehmend zu milden Wintern und warmen Frühjahren. Wein- und Obstkulturen reagieren darauf mit einem früheren Austrieb und einer deutlich früheren Blüte. Das macht die Kulturen besonders empfindlich gegenüber Kaltlufteinbrüchen und Frost, die im Frühjahr jederzeit eintreten können. Verheerende Spätfrostschäden bis hin zum völligen Ertragsausfall können die Folge sein und bedrohen landwirtschaftliche Betriebe in ihrer Existenz. Die bisher praktizierten Strategien zur Bekämpfung von Spätfrostschäden im Wein- und Obstbau sind wissenschaftlich zu wenig evaluiert und müssen teilweise hinsichtlich Effizienz und Wirkung hinterfragt werden. Dies führt dazu, dass Frostschutzmaßnahmen wenig systematisch eingesetzt werden, oft zu einem Zeitpunkt, an dem keine tatsächliche Gefährdung durch das Wetter droht oder in einer phänologisch unproblematischen Phase. Aus diesen Gründen braucht es neben der Evaluierung und Neuentwicklung von Frostschutzmaßnahmen auch die systematische Nutzung von Wetterdaten, um praxistaugliche Handlungsempfehlungen für die Wein- und Obstbäuerinnen und -bauern ableiten zu können. 

Das Innovationsprojekt der Operationellen Gruppe ,,FrostStrat‘‘ untersucht im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft für landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit die derzeit eingesetzten Frostschutzmaßnahmen auf ihre tatsächliche Wirkung. Diese werden verbessert und neue Maßnahmen entwickelt. Zusätzlich entsteht ein digitales Tool, welches Daten und Informationen intelligent miteinander verknüpft und Prognosen, sowie Handlungsempfehlungen für die landwirtschaftlichen Betriebe bereitstellt. So können sich die Wein- und Obstbäuerinnen und -bauern besser vor Ertragseinbußen durch Frostschäden schützen. Zielgruppe des Projektes sind neben den Wein- und Obstbaubetrieben auch Beraterinnen und Berater, die diese unterstützen.

Netzwerk Zukunftsraum Land hat mit den Projektkoordinatoren Stefan Pfeffer von Microtronics Engineering GmbH, Franz Rosner vom Bundesamt für Wein- und Obstbau und den Landwirten Leo Müller vom Weingut Müller, Christoph Nastl vom Weingut Bründlmayer und Franz Reisinger vom Obsthof Reisinger über ihre Erfahrungen und die Projektergebnisse gesprochen.

Herr Rosner, welchen Problemstellungen stehen Wein- und Obstbaubetriebe in Bezug auf Strategien zur Reduzierung von Spätfrostschäden gegenüber?
Durch den Klimawandel nehmen auch Spätfrostereignisse zu. Je milder das Wetter, desto früher kommt es im Wein- und Obstbau zur Blüte. Kälteeinbrüche führen daraufhin aber zu größeren Schäden. Um Frostschäden vorzubeugen, setzen viele Betriebe  eine Reihe von Bekämpfungsmaßnahmen ein: Die einen verwenden Beregnungsanlagen, andere stellen Paraffinkerzen auf oder arbeiten mit Nebel und Rauch. Viele dieser Maßnahmen sind technisch sehr aufwendig, kostenintensiv und nehmen viel Zeit in Anspruch.

Worin sehen Sie das konkrete Verbesserungspotenzial durch das EIP-AGRI Projekt “FrostStrat”?
Ein digitales Tool bietet erstmalig die Möglichkeit, die topografischen Unterschiede temperaturmäßig genau zu erfassen und die richtigen Bekämpfungsmaßnahmen zu setzen. Jede Stunde, in der nicht mit Paraffinkerzen geheizt oder andere Frostbekämpfungsmaßnahmen vorgenommen werden müssen, spart den Betrieben viel Geld und schont zusätzlich die Umwelt.

Herr Pfeffer, Sie koordinieren das EIP-AGRI Projekt „FrostStrat“. Welche Erkenntnisse oder Empfehlungen konnten Sie bereits ableiten? 
Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass mithilfe von zusätzlichen, validen Sensor-Informationen aus dem Feld entsprechende Vorhersagen getroffen werden können. Ziel sollte sein, in betroffenen Gebieten zusätzliche Messpunkte auszubringen und damit die Basis für die Datenmodelle als wichtiges Werkzeug zur Früherkennung und Abmilderung von Spätfrösten zu schaffen und zu verbessern. Das heißt, dass sodann jeder Betrieb mit Internet-Zugang in der Lage ist, rechtzeitig auf diese Ereignisse reagieren zu können, um den Schaden auf ein Minimum zu reduzieren. Darüber hinaus profitiert natürlich auch die Wissenschaft von der konstant guten Datenqualität und kann somit wieder wertvolle Erkenntnisse in die Landwirtschaft einfließen lassen.

Herr Nastl, Sie sind als Landwirt Teil der Operationellen Gruppe „FrostStrat“ und setzen das Projekt auf Ihren Weingärten um. Wo sehen Sie die konkreten Vorteile dieses Projekts?
Ziel eines jeden Weinbaubetriebes ist es, möglichst früh, also in Echtzeit, Daten für eine bevorstehende Frostnacht zu bekommen, um den Spätfrostschaden zu reduzieren oder im besten Fall völlig abzuwenden. Hierbei unterstützt „FrostStrat“ die Landwirtinnen und Landwirte.

Herr Reisinger, was können Sie sich aus dem Projekt mitnehmen? 
Mit dem Projekt „FrostStrat“ und der Installierung von ausreichend Temperatursensoren sowie der angeschlossenen Nachverfolgbarkeit der Temperaturverläufe in den Beobachtungsflächen kann man nun durchgehend die tatsächliche Wettersituation im kritischen Zeitraum überwachen. Zudem ist es so möglich, die Wirksamkeit einzelner durchgeführter Frostbekämpfungsmaßnahmen zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen. Das Thema Frost und Frostschutz ist unglaublich komplex, jede Frostnacht ist anders.

Herr Müller, wie sind Ihre Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Praxis und Wissenschaft und worin sehen Sie die größten Vorteile dieser Zusammenarbeit? 
Im Rahmen des Projektes erforschen die Wissenschaftspartnerinnen und -partner die Wirksamkeit von bekannten und auch vollkommen neuen Maßnahmen und erarbeiten hier neues Wissen für die Praxisanwendung. Durch die mobile Verfügbarkeit der Temperaturmessungen und durch  punktgenaue Prognosen können wir dann der Situation entsprechende und ressourcenschonende Maßnahmen setzen. Somit unterstützt uns das Projekt dabei, mögliche Frostschäden frühzeitig zu erkennen und auch wissenschaftlich validierte Maßnahmen zu setzen.

Zum Projekt in der Projektdatenbank gelangen Sie hier.