Nachbericht – „Gesellschaftlichen Wandel mitgestalten – Regionale Entwicklungsorganisationen als wichtige Schnittstellen in Transformationsprozessen“

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Demographischer Wandel, Klimawandel, Digitalisierung, geo- und gesellschaftspolitische Spannungen – die Entwicklung von Regionen wird von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Dynamiken beeinflusst. Die dabei entstehenden Spannungen verlangen nach gänzlich neuen Entwicklungsansätzen, die dabei unterstützen, die Risiken dieser „Grand Challenges” abzufedern und daraus entstehende Chancen zu nutzen. Zentral dabei ist die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels, der nicht nur auf technologische Neuentwicklungen, sondern ganz klar auf grundlegende Veränderungen von Werten, Strukturen, Normen und Handlungsweisen abzielt.

Ein solcher gesellschaftlicher Wandel gelingt aber nicht nur rein Top-Down – durch Regeln, Verordnungen, oder Anreizsysteme – oder rein Bottom-Up, durch engagierte Einzelinitiativen. Stattdessen ist hier der gezielte Einsatz beider Systeme wichtig. In diesem Kontext kommt der regionalen Ebene, als „Intermediär”, besondere Bedeutung zu. Sie übersetzt globale Herausforderungen in lokale Kontexte, erprobt lokal passende (place-based) Lösungen, entwickelt sie weiter und unterstützt so bei der Skalierung.

Im Webinar „Gesellschaftlichen Wandel mitgestalten – Regionale Entwicklungsorganisationen als wichtige Schnittstellen im Transformationsprozess“ wurde ein wesentlicher Beitrag dazu geleistet, über theoretische und praktische Überlegungen, Entwicklungen und Erfahrungen zu diesem Thema zu informieren. Gleichzeitig sollten regionale Entwicklungsorganisationen, wie etwa LEADER-Regionen, dazu motiviert werden, selbst transformative Entwicklungspfade anzuvisieren.

In einem ersten Teil präsentierte Markus Gruber (convelop) die Bedeutung einer systematischen regionalen Entwicklung, die mehr als nur Einzelprojekte vorantreibt, um transformativer wirksam zu werden. Die sogenannte “X-Curve” liefert dafür ein Hintergrundmodell: “Out-of-the-box-Denken” muss regional und systematisch gefördert und skaliert werden, um anschließend als neue Routinen und Lösungen verfestigt zu werden. Gleichzeitig gilt es, nicht nachhaltige Praktiken abzulegen und die negativen Auswirkungen davon abzufedern, um den Wandel gerecht zu gestalten. Damit können Pfadabhängigkeiten überwunden und Verbesserungen auf Transformationspfaden erreicht werden. Von besonderer Bedeutung, so Markus Gruber, ist dabei das Mehrebenensystem, wie er am Beispiel der Energiewende in der Region Holzwelt Murau skizzierte. Regionen können Raum für Neues schaffen, gemeinsame Kreativität fördern, Visionen formulieren, Widerstände annehmen, strategische Entscheidungen fällen und Kapazitäten zur Intermediation entwickeln. Dafür benötigen sie unterstützende innovationspolitische Rahmenbedingungen, die Experimente und Plattformen für interregionales Lernen fördern, Planungssicherheit schaffen, Exnovation vorantreiben und den öffentlichen Sektor in seiner proaktiven Rolle stärken.

In einem zweiten Teil ging es um die Frage, wie Regionen selbst transformativ wirksam werden können. Hier stellte Rita Trattnigg (BMLUK) Überlegungen zur Rolle der Region als “Innovationsökosystem” vor, die ausschlaggebend für die Gestaltung von Fördermaßnahmen des BMLUK sind. Wie Innovationsökosysteme aussehen, ist von unterschiedlichen Eigenschaften der Regionen abhängig, beispielsweise vorhandenen Innovationskapazitäten, einem gelungenen Zusammenspiel mit dem Mehrebenensystem, etwa durch partnerschaftliche Arbeit, Durchlässigkeit zwischen den Ebenen oder das Ermöglichen flexibler Zugänge, und der Einbindung (kreativer) externer Akteur:innen. Um von punktuellen Einzelinvestitionen hin zu verbundenen Projektclustern zu kommen, ist die Rolle der Intermediation zentral. Diese verbessert das Zusammenspiel verschiedenster Akteur:innen, unterstützt das Übersetzen zwischen den Ebenen und begleitet transformative Prozesse. Kurz, so Rita Trattnigg: “Ohne Intermediation kein Innovationsökosystem”.

Michael Fischer (Netzwerk Zukunftsraum Land) schloss an diesen Vortrag an und präsentierte anwendbare Strategien und Hacks für mehr Hebelwirkung auf regionaler Ebene. Drei Handlungsfelder sind dabei für den Aufbau von transformativen Kapazitäten zentral:

  • Handlungsspielräume öffnen und Bruchstellen nutzen
  • Neues schaffen und verbreiten
  • Navigieren und Orientierung geben

In diesen Handlungsfeldern kommt regionalen Entwicklungsorganisationen eine bedeutende Rolle zu. Zahlreiche praxisorientierte Hacks, mit denen diese Handlungsfelder bearbeitbar sind, finden sich nicht nur in den Präsentationsunterlagen dieses Vortrags, sondern auch in der Broschüre “Innovations-Kapazitäten in Regionen stärken” des BMLUK.

Im finalen Teil des Webinars tauchten die Teilnehmenden tiefer in die Praxis transformativer Regionalentwicklung ein. Dafür präsentierten zunächst Anna Knaus-Maurer und Michael Fend aus dem steirischen Vulkanland, wie eine klar definierte Vision transformative Entwicklungsprozesse fördern kann. In der Region hat man mit der “Vision Vulkanland Zukunftsfähigkeit 2040” schon seit Jahrzehnten ein klares Bild vor Augen, wie sich die Region zukünftig mit Blick auf menschliche, ökologische und wirtschaftliche Aspekte positionieren will. Diese Vision ist damit eine bedeutende Orientierungshilfe, auf Basis derer verschiedene regionale Institutionen (wie der Regionalverband, das Regionalmanagement oder das LAG Management) ihre unterschiedlichen Fertigkeiten auf ein Ziel ausgerichtet bündeln. Aufbauend auf den Erfahrungen, die das steirische Vulkanland in den letzten 25 Jahren gemacht hat, wurde die Chance genutzt, sieben zentrale Erkenntnisse dieses Wirkens zu präsentieren. Dazu gehören

  • die grundlegende Bedeutung eines klaren Zukunftsbildes,
  • das Arbeiten auf einer gemeinsamen Strategieebene,
  • das Fördern von Kooperationen,
  • das Fördern positiver Regionsbilder,
  • das Mitnehmen von Menschen und Fördern von Eigenverantwortung,
  • das Erhöhen der Sichtbarkeit regionaler Bemühungen durch eine gemeinsame Regionsmarke und
  • das langfristige Denken, auch über Förderperioden hinweg.

Über die Bedeutung von Mehrebenenzusammenarbeit sowie die sich verändernden Rahmenbedingungen nach 2028 sprach anschließend Christian Rosenwirth (BMLUK). Er gab wertvolle Einblicke in den Weiterentwicklungsprozess von LEADER und die neue Klimainitiative, die künftig LEADER-, KEM-, KLAR!- und e5-Strukturen bündeln soll. LEADER soll dabei zur zentralen strategischen Andockstation für Klima-, Energie-, Innovations- und Stadt-Umland-Themen, die unterschiedliche Förderinstrumente und -maßnahmen bündelt und so zu einer höheren regionalen Wirksamkeit und Skalierung erfolgreicher Lösungen beitragen soll.

Diese Bedeutung griff Wolfgang Berger (LEADER-Forum) in seinem abschließenden Beitrag zu den vielfältigen neuen Aufgaben, die auf LAGs zukommen, auf. Die Bedeutung von LEADER werde so laufend größer, weil “LEADER das bedeutendste bürgernahe Politikinstrument der EU in ländlichen Räumen” sei. In Zeiten sich ändernder geopolitischer Priorisierungen, zunehmender Polykrisen und starker EU- und Demokratieskepsis sei ortsbezogene Entwicklungsarbeit der Schlüssel, erfolgreiche und transformative ländliche Entwicklung zu fördern. LEADER wird dabei künftig einerseits eine Andockstation für verschiedene thematische Entwicklungen sein, andererseits aber auch eine bedeutende Mehrebenen-Drehscheibe, die neue Schnittstellen ermöglicht und zum gesellschaftlichen Ausgleich beiträgt. In seinem Beitrag zeichnete Wolfgang Berger abschließend ein Bild von den zahlreichen Rollen, die es LAGs ermöglichen, transformative Regionalentwicklung voranzutreiben und zu einem umfassenden Aufbau regionaler Resilienz beizutragen. Denn: “LEADER wirkt immer; aber gerade jetzt besonders!”, so Wolfgang Berger.

Für eine noch tiefere Auseinandersetzung mit den Inhalten dieses Webinars empfehlen wir einen Blick in die Präsentationsunterlagen und die Aufzeichnung der Veranstaltung. Wir bedanken uns herzlich bei den Vortragenden und den Teilnehmenden und blicken gespannt auf die Zukunft regionaler Entwicklungsorganisationen im Transformationsprozess!