Samen.Träger
Das Projekt dient dem Aufbau der neuen Arbeitsgruppe „Samen.Träger” zur gemeinsamen Sortenentwicklung bei Gemüsekulturen für den Einsatz im biologischen Anbau. Die Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner arbeiten bereits in der Saatgutvermehrung und in der Sortenentwicklung von Tomaten (Arbeitsgruppe „Bauernparadeiser”) mit Arche Noah zusammen. In diesem Projekt wird dieses Modell der partizipativen Züchtung auf andere Gemüsekulturen ausgeweitet. Es werden Gemüsekulturen bearbeitet, bei denen das Sortenangebot für Gemüsebetriebe bislang unzureichend ist, weil diese Kulturen von Saatgutfirmen und Züchtungsunternehmen wegen der geringen Relevanz im aktuellen Anbau wenig Beachtung finden. Mit und auf den Kooperationsbetrieben werden Pilotprojekte zu sechs ausgewählten Gemüsearten durchgeführt. Zudem finden Sichtungen zu den Kulturen statt, und darauf aufbauend werden züchterische Aktivitäten (gemeinsames Abblühen lassen von Samenträgern, Kreuzungen, Selektion) eingeleitet. Die Pilotprojekte werden mit den Betrieben gemeinsam konzipiert . Arche Noah recherchiert, bestellt und verteilt Saatgut und koordiniert die Anbautätigkeiten auf den Betrieben. Die Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner sind für Anbau, Pflege, Selektionsarbeit und Saatgutgewinnung der Kulturen verantwortlich. Bonituren (Bewertung der einzelnen Sorten) werden von Arche Noah und den Gemüsebaubetrieben gemeinsam durchgeführt. Feldtage dienen dazu sich in der Arbeitsgruppe über den Anbau, die getesteten Sorten und die züchterische Arbeit auszutauschen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgruppe „Samen.Träger” verstehen sich als Pioniere und halten die Arbeitsgruppe offen für weitere Gemüsebaubetriebe, sich an den Sichtungen und Feldtagen zu beteiligen (ohne Honorar beziehungsweise mit Eigenmitteln). Die Ergebnisse werden von Arche Noah aufbereitet und verbreitet, Zielgruppen sind landwirtschaftliche Bio-Betriebe (Schwerpunkt Gemüsebau mit Direktvermarktung und Belieferung der Gastronomie, „Market Gardening“) sowie die bio-affine, ernährungsbewusste Öffentlichkeit. Die geeignetsten Sorten und Zuchtlinien werden beschrieben und verfügbar gemacht. Bislang noch wenig bekannte Gemüsearten und -sorten werden durch zwei Fachveranstaltungen sowie eine öffentliche Veranstaltung und begleitende Öffentlichkeitsarbeit sichtbar und erlebbar gemacht.
Was macht dieses Projekt besonders nachahmenswert?
- Enge Zusammenarbeit zwischen Gemüsebaubetrieben und Forschungseinrichtungen
- Entwicklung von angepassten Sorten bei wenig genutzten Gemüsearten in Österreich
- Sichtbarmachung der Gemüsevielfalt und ihrer Nutzung bei Fachpublikum und interessierten Laien
Darum war es wichtig, das Projekt umzusetzen
Zentral für eine nachhaltige sowie resiliente Landwirtschaft und Ernährung ist es, immer wieder neue, standort- und klimaangepasste, ertragsstabile, robuste, qualitativ hochwertige sowie genetisch möglichst diverse Sorten einer möglichst großen Anzahl von Kulturpflanzenarten zu entwickeln. Es gibt jedoch in Österreich sehr wenige Züchtungsaktivitäten bei Gemüse. Viele Arten werden auf der ganzen Welt nur von einzelnen Züchterinnen und Züchtern bearbeitet, regional angepasste Sorten fehlen dann gänzlich. Im Wissen wie gesund Gemüse ist, braucht es gerade hier vermehrte Anstrengungen, um mehr schmackhaftes Gemüse in den Speiseplan der Menschen zu bringen. Die „Vielfaltsbetriebe“, mit denen Arche Noah zusammenarbeitet, bemühen sich seit Jahren, vielfältigstes Gemüse anzubauen und zu vermarkten. Damit zeigen sie, wie es mit Hilfe von Diversifizierung und Direktvermarktung gelingt, auch ökonomisch mit kleinen Betrieben erfolgreich zu sein und schaffen ein Gegenmodell zum Prinzip “wachse oder weiche”. Diese Betriebe produzieren einen großen Anteil ihres Saatguts selbst und schaffen dadurch Unabhängigkeit vom globalen Saatgutmarkt und regional angepasste Sorten. Allein können sie das jedoch schwer stemmen. Einerseits fehlt es an dem spezialisierten Know-How bei den Landwirtinnen und Landwirten zu Saatgutvermehrung und Sortenentwicklung. Sichtungen von Sorten und Zuchtlinien müssen auf mehreren Standorten stattfinden. Beides kann durch intensiven Austausch und überbetriebliche Kooperationen erreicht werden. Andererseits fehlt es an finanzieller Unterstützung der Züchtungsaktivitäten. Für viele Gemüsearten gibt es nur einen sehr kleinen Markt, weswegen das Gemeinwesen gefragt ist, die Züchtung in diesem Bereich zu fördern.
Ziele des Projekts
- Förderung der biologischen Wirtschaftsweise
- Verbesserung der überbetrieblichen Zusammenarbeit im Bereich der Züchtung von regional angepassten Sorten direkt auf bäuerlichen Betrieben
- Einbringen und/oder Entwicklung von ökonomisch rentablen Sorten für Gemüsebaubetriebe
- Stärkung der Artenvielfalt und der genetischen Vielfalt auf Gemüsebaubetrieben
- Umsetzung eines Modells zur ökonomisch resilienten Diversifizierung auf Gemüsebaubetrieben, mit Berücksichtigung der Klimawandelanpassung
- Etablierung von konkreten biodiversitätssteigernden Lösungen auf die landwirtschaftliche Nutzfläche und in die Wertschöpfungskette, dadurch Schaffen eines nachhaltigeren Lebensmittelsystem
- Weiterführung der Arbeitsgruppe auch nach Ablauf des Projekts
Maßnahmen um die Projektziele zu erreichen
Zu ausgewählten Gemüsekulturen finden Sichtungen und Züchtungsarbeiten statt, unter anderem zu Physalis-Arten, Paprika, Kohl-Raritäten, Gelbe Rübe, Winterrettich, Mairübe und Spargelsalat. Dabei sollen die Sorten und Zuchtlinien einerseits in ihren Merkmalen beschrieben, aber auch vor allem für den Anbau am Betrieb evaluiert werden. Dabei wird etwa folgenden Fragen nachgegangen: Welche Eigenschaften sind wertvoll für die Vermarktung am Gemüsemarkt bzw. in der Gastronomie? Welche Eigenschaften sind nötig für einen Standort ohne Bewässerung? Bei Bedarf sollen vor Ort Einzelpflanzen für die weitere Vermehrung und Züchtung selektiert werden. Auftretende Krankheiten sollen diagnostiziert und bonitiert werden.
Bei Treffen beziehungsweise Feldtagen und auch bei Arbeitsmeetings (online oder in Präsenz) werden die Ergebnisse der einzelnen Standorte präsentiert. Zusätzlich zu den Feldtagen finden Fachveranstaltungen zu einzelnen Kulturen statt, wozu auch Vertreterinnen und Vertreter der landwirtschaftlichen Branche eingeladen werden. Im dritten Projektjahr (2026) werden Wert der Biodiversität und Ergebnisse des Projekts in einer größeren Publikumsveranstaltung einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Zielgruppen sind bio-affine und ernährungsbewusste Konsumentinnen und Konsumenten. Bestandteile der Veranstaltung sollen Sortenpräsentationen und Verkostungen sein.
Ergebnisse und Wirkungen quantitativ
- Zu jeder bearbeiteten Gemüsekultur gibt es Sortenempfehlungen mit Sortenbeschreibungen für Gemüsebaubetriebe
- Nach Projektende gibt es mindestens drei Zuchtlinien unterschiedlicher Gemüsearten, die an andere Betriebe weitergegeben werden können
- Mindestens eine neue Sorte wird für den Saatgutverkauf registriert.
- Mit zwei Fachveranstaltungen werden jeweils mindestens 30 Personen erreicht.
- An der öffentlichen Veranstaltung im Jahr 2026 werden mindestens 500 Besucherinnen und Besucher gezählt und über diverse Gemüsearten und deren Sortenvielfalt informiert.
Ergebnisse und Wirkungen qualitativ
Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Beratung und Wissenschaft sind besser über die ausgewählten Kulturarten informiert und wissen, wie sie selbige in Zukunft selbst nutzen können, ob durch Anbau am eigenen Betrieb, durch Beteiligung an weiteren Forschungs- und Züchtungsaktivitäten oder durch Einbindung in der Gastronomie. Interessierte Konsumentinnen und Konsumenten haben etwas über die Arbeitsweise der partizipativen Züchtung erfahren.
Mehrwert durch Vernetzung
Im Rahmen des Projekts „Samen.Träger” finden jährlich Feldtage zu verschiedenen Gemüsekulturen auf wechselnden Betrieben statt. Der Austausch bringt die Gemüsebäuerinnen und Gemüsebauern auf neue Ideen und liefert methodische Ansätze, wie Züchtung am landwirtschaftlichen Betrieb effizient und erfolgreich stattfinden kann. Zuchtlinien und Sorten werden ausgetauscht und führen zu einer erfolgreichen Diversifizierung am Betrieb. Den Kundinnen und Kunden kann ein noch vielfältigeres Sortiment mit gleichzeitig optimierter Produktion (höhere Erträge) angeboten werden, was der Wirtschaftlichkeit der Betriebe zu Gute kommt.
Innovation
- Neue Zuckererbsensorte ‘Roberta’: erhältlich im ARCHE NOAH Shop
- Neue Winterrettichsorte ‘Roulette’: erhältlich im ARCHE NOAH Shop
- Anbau der neuen Zuchtlinien und Sorten auf Gemüsebaubetrieben
- Verbessertes Know-How in Anbau und Züchtung von diversen Gemüsekulturen
Die wichtigsten Lernerfahrungen
Die Arbeitsgruppe „SamenTräger:innen” ist erfolgreich etabliert. In den drei Projektjahren ist eine gute Struktur entstanden, die wir in den Folgejahren weiter nutzen und verbessern wollen. Wir konnten bisher alle Ziele erreichen. Die Publikumsveranstaltung steht noch aus – sie wird am 26. September 2026 in Schiltern/NÖ bei ARCHE NOAH stattfinden.
Übertragbarkeit
Innerhalb Österreichs sind die Arbeitsgruppen „Bauernparadeiser” und „Samen.Träger:innen” die einzigen partizipativen Züchtungsnetzwerke. Innerhalb der EU gibt es allerdings Züchtungsnetzwerke zu Obst und Getreide, und in Ansätzen auch zu Gemüse. Die langjährige Aufrechterhaltung solcher Züchtungsnetzwerke ist eine Herausforderung und erfordert mehrere Säulen der Finanzierung, optimalerweise auch der öffentlichen Hand.
