Nachbericht: Tagung Frauen.Höfe.Zukunft – Gleichstellung als Gewinn für Landwirtschaft und Gesellschaft
Was braucht es, damit Frauen in der Landwirtschaft ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten, Verantwortung übernehmen und ihre Potenziale entfalten können? Rund 85 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gingen dieser Frage am 15. Oktober 2026 bei der Tagung „Frauen.Höfe.Zukunft – Gleichstellung als Gewinn für Landwirtschaft und Gesellschaft“ von Netzwerk Zukunftsraum Land im OK Deck in Linz nach. Anlässlich des Internationalen Jahres der Bäuerinnen 2026 standen die Lebens- und Arbeitsrealitäten von Frauen in der Landwirtschaft ebenso im Mittelpunkt wie persönliche Erfahrungen, erfolgreiche Initiativen und die Frage, wie Gleichstellung als gemeinsame Aufgabe von Frauen und Männern gelingen kann.
Wie wichtig es ist, die Leistungen und Perspektiven von Frauen sichtbar zu machen, zeigte sich besonders bei der erstmaligen Präsentation der Bäuerinnenstudie 2026. Theresa Oedl-Wieser und Martina Schorn von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen stellten die Ergebnisse der alle zehn Jahre durchgeführten Studie zu den Arbeits- und Lebensrealitäten von Bäuerinnen in Österreich vor. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel: Das Bildungsniveau der Bäuerinnen ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig steigen zunehmend auch Frauen als Quereinsteigerinnen in die Landwirtschaft ein und bringen unterschiedliche Bildungs- und Berufserfahrungen mit. Auch die Aufgabenbereiche von Frauen am Hof haben sich verändert und umfassen heute vielfältige Tätigkeiten – von der Stall- und Feldarbeit über Büroarbeit bis hin zum Management. Die Verantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung liegt jedoch weiterhin überwiegend bei ihnen, wodurch ihre Gesamtarbeitsbelastung steigt. Die Studie zeigt damit konkreten Handlungsbedarf auf: Neben einer besseren statistischen Erfassung der Leistungen von Frauen braucht es gezielte Bildungs- und Vernetzungsangebote, finanzielle Absicherung, Entlastungsmöglichkeiten sowie mehr Sichtbarkeit für Frauen in der landwirtschaftlichen Betriebsführung. Elif Gül von der Universität Wien erweiterte mit ihrer Keynote den Blick auf die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Gleichstellung und Diversität und regte dazu an, bestehende Rollenbilder und gesellschaftliche Vorstellungen zu hinterfragen.
Wie sich traditionelle Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen im landwirtschaftlichen Alltag bemerkbar machen, zeigten die persönlichen Erfahrungsberichte der Hofübernehmerinnen Anna Daller und Sandra Mayer. Beide berichteten von Zweifeln und Vorurteilen, mit denen sie als junge Betriebsleiterinnen konfrontiert wurden. Anna Daller erzählte etwa von Anfragen, ihre Flächen zu pachten oder Maschinen zu verkaufen, und davon, dass immer wieder nach dem eigentlichen Chef am Hof gefragt wurde. Als Farmfluencerin nutzt sie außerdem die sozialen Medien, um Einblicke in ihren Alltag zu geben und die vielfältigen Aufgaben und Möglichkeiten der Landwirtschaft sichtbar zu machen. Auch Sandra Mayer, die gemeinsam mit ihrer Schwester einen landwirtschaftlichen Betrieb übernommen hat, berichtete von ähnlichen Erfahrungen. Ihre Erzählungen machten deutlich, dass Frauen in Führungspositionen in der Landwirtschaft noch immer nicht überall als selbstverständlich wahrgenommen werden. Gleichzeitig zeigten beide, wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu gehen und sich nicht von traditionellen Rollenbildern einschränken zu lassen. Anna Daller betonte dabei, dass Gleichstellung nicht bedeute, als Frau alles können oder beweisen zu müssen, sondern selbst entscheiden zu dürfen, welche Aufgaben und Rollen man übernehmen möchte. Auch die oft unsichtbare Arbeit am Hof – von der Organisation über den Haushalt bis zur Kinderbetreuung – müsse stärker anerkannt und partnerschaftlich verteilt werden. Mit ihrer Präsenz in den sozialen Medien trägt sie dazu bei, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen und jungen Frauen zu zeigen, dass die Übernahme und Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs eine selbstverständliche Möglichkeit ist.
Dass Frauen auf diesem Weg Unterstützung finden können, zeigte der Marktplatz der Initiativen. Fünf unterschiedliche Angebote und Netzwerke stellten ihre Arbeit vor und luden zum direkten Austausch ein. Von der Funktionärinnenausbildung „ZAMm unterwegs“ über die Arbeitsgruppe Geschlechtergleichstellung des GAP-Strategieplans und den Online-Selbstlernkurs zur finanziellen Absicherung von Frauen bis hin zu „Women-Led Innovations in Farming and Rural Territories“ und „Frauen säen Zukunft“ wurde sichtbar, wie vielfältig die Ansätze zur Stärkung von Frauen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum bereits sind. Im Mittelpunkt standen dabei Vernetzung, Wissensvermittlung, finanzielle Eigenständigkeit und die Ermutigung, Verantwortung zu übernehmen und neue Wege zu gehen.
Dass Gleichstellung nicht allein ein Frauenthema ist, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft, wurde am Nachmittag besonders deutlich. Die Künstlerin und Aktivistin Katharina Cibulka zeigte anhand ihres Kunstprojekts SOLANGE, wie Kunst gesellschaftliche Fragen aufgreifen und zum Nachdenken über Sichtbarkeit, Anerkennung und bestehende Rollenbilder anregen kann. Philip Leeb vom Dachverband für Männer-, Burschen- und Väterarbeit in Österreich rückte anschließend die Perspektive der Männer in den Mittelpunkt und verdeutlichte, warum Gleichstellung nur gemeinsam gelingen kann. Denn eine partnerschaftliche Verteilung von Verantwortung und das Aufbrechen traditioneller Rollenbilder eröffnen nicht nur Frauen, sondern auch Männern neue Möglichkeiten.
In der abschließenden Podiumsdiskussion kamen unterschiedliche Perspektiven aus landwirtschaftlicher Praxis, Wissenschaft, Politik und Interessenvertretung zusammen. Anna Daller und Sandra Mayer, Isabella Grandl, Abteilungsleiterin im BMLUK, Johanna Haider, Vorsitzende des Ausschusses für Bäuerinnenangelegenheiten in der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, Philip Leeb und Elif Gül diskutierten darüber, welche Rahmenbedingungen Frauen brauchen, um auf landwirtschaftlichen Betrieben gut arbeiten und leben zu können, Verantwortung zu übernehmen und Führungspositionen einzunehmen. Im Mittelpunkt standen dabei auch die Fragen, wie traditionelle Rollenbilder aufgebrochen werden können und welche Chancen eine gleichberechtigte Arbeitswelt für Männer eröffnet. Die Diskussion verdeutlichte, dass Gleichstellung nicht nur die Position von Frauen stärkt, sondern neue Gestaltungsmöglichkeiten für das Zusammenleben und Zusammenarbeiten auf landwirtschaftlichen Betrieben eröffnet.
Die Tagung machte damit deutlich: Gleichstellung ist ein Gewinn für alle – für Frauen und Männer, für landwirtschaftliche Betriebe, Familien und die gesamte Gesellschaft. Es braucht Sichtbarkeit und Anerkennung für die Leistungen von Frauen, wirtschaftliche Absicherung, Möglichkeiten zur Mitbestimmung und die Bereitschaft, traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen. Frauen.Höfe.Zukunft bedeutet, Zukunft gemeinsam zu gestalten – mit gegenseitiger Wertschätzung, gleichen Chancen und der Freiheit, den eigenen Weg zu gehen.
