Nachbericht Webinar Kooperationen in der Landwirtschaft – der Schlüssel zu unternehmerischer Stärke und Resilienz
Das Webinar „Kooperationen in der Landwirtschaft – der Schlüssel zu unternehmerischer Stärke und Resilienz“ vom 28. Mai 2026 widmete sich den Chancen, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven landwirtschaftlicher Kooperationen. Expertinnen und Experten aus Beratung, Wissenschaft und Praxis beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und machten deutlich, dass Kooperationen weit mehr sind als klassische Maschinengemeinschaften. Sie gelten zunehmend als wichtiger Baustein für eine resiliente, wirtschaftlich tragfähige und sozial nachhaltige Landwirtschaft.
Zu Beginn gab Lukas Oßberger von der Landwirtschaftskammer Österreich einen Überblick über Kooperationen in der Landwirtschaft und deren Bedeutung im aktuellen agrarpolitischen Kontext. Angesichts steigender Kosten, hoher Arbeitsbelastung und wachsender Investitionsanforderungen gewinnen gemeinschaftliche Formen der Zusammenarbeit zunehmend an Bedeutung – insbesondere für kleinstrukturierte Familienbetriebe. Vorgestellt wurden unterschiedliche Kooperationsformen, von Zusammenarbeit entlang derselben oder verschiedener Wertschöpfungsstufen bis hin zu branchenübergreifenden Kooperationen etwa zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Neben wirtschaftlichen Vorteilen wie Kostenteilung oder effizienterer Ressourcennutzung wurden auch soziale und ökologische Mehrwerte hervorgehoben. Kooperationen können Arbeitsbelastungen reduzieren, Innovation fördern und regionale Wertschöpfung stärken. Zudem gewinnt das Thema auch auf europäischer Ebene zunehmend an Bedeutung.
Im anschließenden Vortrag berichtete Beda Estermann, Dozent an der Berner Fachhochschule, über Praxiserfahrungen mit Kooperationen in der Schweiz. Im Mittelpunkt standen Erfolgsfaktoren und Stolpersteine gemeinschaftlicher Betriebsformen. Kooperationen können mehr Freizeit, geringere Arbeitsbelastung und weniger wirtschaftlichen Druck ermöglichen, bringen jedoch auch Herausforderungen wie Konfliktpotenziale, gegenseitige Abhängigkeiten und Unsicherheiten mit sich. Besonders betont wurde die Bedeutung professioneller Beratung sowie sozialer Kompetenzen wie Kommunikation, Konfliktfähigkeit und gegenseitigem Vertrauen. Zudem sollte bereits bei der Gründung auch an mögliche Ausstiegsszenarien gedacht werden. Insgesamt wurde deutlich, dass die soziale Komponente von Kooperationen oft unterschätzt wird, gleichzeitig aber großes Potenzial bietet.
Einen weiteren Schwerpunkt setzte Anna-Lena Siegl, Beraterin der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, die im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik 15 Interviews mit Kooperationspartner:innen geführt hat. Im Fokus standen dabei vor allem soziale Faktoren innerhalb von Kooperationen. Besonders prägend war die Auseinandersetzung mit dem Thema „Scheitern“. Die Ergebnisse zeigten, dass Kooperationen selbst bei einer späteren Auflösung wertvolle Erfahrungen, persönliche Weiterentwicklung und neue Perspektiven ermöglichen. Ein klassisches Scheitern gebe es daher oft nicht, da viele Beteiligte wichtige Erkenntnisse mitnehmen und daraus später neue gemeinschaftliche Projekte entstehen. Kooperationen wurden damit als dynamische Lern- und Entwicklungsprozesse beschrieben.
Anschließend berichteten Irene Gombotz von den „Jungen WILDEN Gemüsebauern“ sowie Gabriele Kerndler, vom Kerndlerhof aus der Praxis und gaben Einblicke in ihre eigenen Kooperationserfahrungen. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich Kooperationen ausgestaltet sein können und wie stark sie von den beteiligten Personen, gemeinsamen Werten und klaren Zielvorstellungen abhängen. Die Praxisbeispiele zeigten, dass Kooperationen nicht nur wirtschaftliche Vorteile bringen können, sondern auch neue Arbeitsmodelle ermöglichen und zur persönlichen Entlastung beitragen.
Zum Abschluss des Webinars fanden Kleingruppendiskussionen zu unterschiedlichen Themenbereichen statt.
Eine Gruppe beschäftigte sich mit den rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen für Kooperationen. Die Diskussionsrunde setzte sich aus Vertreterinnen und Vertretern von Interessensvertretungen, Verwaltungseinrichtungen sowie weiteren Akteurinnen und Atkeuren, darunter Mitglieder von LEADER-Gruppen, zusammen. Dabei wurden unterschiedliche rechtliche Aspekte diskutiert, die für die Umsetzung von Kooperationen relevant sind. Die Themen reichten von gesetzlichen Vorgaben zu Ladenöffnungszeiten über Fragen der Raumordnung bis hin zu baurechtlichen Rahmenbedingungen. Anhand konkreter Beispiele wurden bestehende Herausforderungen und Hemmnisse veranschaulicht. Gleichzeitig identifizierten die Teilnehmenden verschiedene Ansatzpunkte zur Bewältigung dieser Herausforderungen. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung einer intensiven Vernetzung der beteiligten Akteurinnen und Akteure, die als zentraler Erfolgsfaktor für das Gelingen von Kooperationen auf allen Ebenen angesehen wurde.
Eine Gruppe widmete sich Bildungs- und Beratungsansätzen für landwirtschaftliche Kooperationen. Dabei wurde deutlich, dass die Suche nach geeigneten Kooperationspartner:innen derzeit häufig schwierig ist und oft dem Zufall überlassen bleibt. Diskutiert wurde daher die Idee eines Vermittlungstools speziell für Kooperationen. Gleichzeitig wurde auf bestehende Plattformen wie „Perspektive Landwirtschaft“ verwiesen. Auch die Beratungslandschaft wurde kritisch reflektiert: Zwar seien Kompetenzen grundsätzlich vorhanden, jedoch fehle häufig die Vernetzung zwischen unterschiedlichen Fachbereichen. Als Ziel wurde ein ganzheitlicher Beratungsansatz im Sinne eines „One-Stop-Shops“ formuliert. Darüber hinaus wurde angeregt, Kooperationen stärker in landwirtschaftliche Aus- und Weiterbildungen sowie allgemeine Beratungsangebote zu integrieren.
Eine weitere Gruppe beschäftigte sich mit Voraussetzungen und Bedarfen auf betrieblicher Ebene. Dabei wurden insbesondere die emotionalen Belastungen und zwischenmenschlichen Herausforderungen von Kooperationen thematisiert. Kommunikation, Konfliktmanagement und Arbeitsüberforderung wurden als zentrale Themen identifiziert. Diskutiert wurde zudem, dass Kooperationen als vielschichtige Prozesse verstanden und vermittelt werden müssen. Klassische Einzelveranstaltungen würden oft nur jene Personen erreichen, die ohnehin bereits offen für Kooperationen sind. Stattdessen wurde vorgeschlagen, Kooperationen als Querschnittsthema stärker in unterschiedliche Bildungs- und Beratungsangebote zu integrieren und prozessorientierte Begleitung für bestehende Kooperationen anzubieten.
Insgesamt machte das Webinar deutlich, dass Kooperationen längst kein Nischenthema mehr sind. Sie entwickeln sich zunehmend zu einem wichtigen Instrument, um den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen der Landwirtschaft zu begegnen. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass erfolgreiche Kooperationen weit mehr brauchen als rechtliche oder wirtschaftliche Grundlagen: Vertrauen, Kommunikation, gemeinsame Werte und professionelle Begleitung spielen eine zentrale Rolle für ihr Gelingen.
